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Leben mit Büchern

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Die Prüfungen des Lebens

Auf die Prüfungen des Lebens kann man sich nicht vorbereiten wie auf ein Quiz. Diese Erfahrung muss auch Brian Jackson, Ich-Erzähler in David Nicholls Roman Keine weiteren Fragen, machen.

Mitte der 80er Jahre hat Brian gerade sein Abitur der Langley-Street-Gesamtschule in der Tasche und zieht von Southend in der Grafschaft Essex in eine Studenten-Bude einer Universitätsstadt mit Türmchen.
„Okay, es ist vielleicht nicht Oxford oder Cambridge, aber es ist das nächstbeste. Die Hauptsache ist doch, dass es eine Universitätsstadt mit Türmchen ist. Träumenden Türmchen.“
Vor allem hat er dort ein Stipendium erhalten.
Das Größte für Brian wäre es, im Uni-Team für Englands anspruchsvollstes Fernsehquiz, der University Challenge, zu stehen. Das sah er als Kind mit seinem Vater, den er schon damals mit seinem Wissen beeindrucken konnte.

Von seinem Ankommen an der Uni, seinem Weg zum Quiz und in die Betten und Herzen der Kommilitoninnen lässt David Nicholls seinen pickligen, jungenhaften „Helden“ selbstironisch, in bester britischer Stand-up-Comedy-Manier erzählen.
Lachen oder mitfühlendes Kopfschütteln, all dies ist beim Lesen des Romans inbegriffen.
Immer wieder gibt es feine Anspielungen auf die englische Literatur (Brians Studienfach), Popmusik der 80er und natürlich ganz viel Quiz-Wissen.

Deshalb habe ich Keine weiteren Fragen, und sage, einfach lesen und lachen.

David Nicholls: Keine weiteren Fragen, aus dem Englischen von Ruth Keen, Heyne 2007;
die deutschsprachige Ausgabe erschien erstmals 2005 bei Kein & Aber

Tja, das ganze Leben ist ein Quiz — Hurz 😊.
— Dank an Hape Kerkeling.

Lieber erzählen statt zählen

Eigentlich wollte ich mich lieber erbaulicherer Literatur zuwenden, weswegen das Buch Das metrische Wir von Steffen Mau schon einige Zeit im Regal lag.
Außerdem schien mir die These, dass die zunehmende, eng mit der Digitalisierung zusammenhängende und alle Lebensbereiche umfassende, Vermessung der und des Einzelnen normativ, manipulativ und selektiv sei, doch allzu offensichtlich. Und darüber hinaus auch schon in der Populärliteratur recht gut abgefrühstückt, denkt man an Romane wie Dave Eggers The Circle oder Marc Elsbergs ZERO.

Nun hat aber China aktuell sein sogenanntes Social Credit System optimiert eingeführt. In diesem werden „Aktivitäten im Internet, Konsum, Verkehrsdelikte, Arbeitsverträge, Bewertungen von Lehrern oder Vorgesetzten, Konflikte mit dem Vermieter oder das Verhalten der eigenen Kinder“ in einem einheitlichen Score zusammengeführt. Das Verhalten in all diesen Bereichen hat dann „Auswirkungen auf den individuellen Social Score“ einer Person.
Unternehmen und Behörden können und sollen jederzeit auf ihn zurückgreifen, womit dieser alles umfassende individuelle Social Score den Wert eines Menschen und seine Möglichkeiten im gesamten gesellschaftlichen Leben bestimmt [Mau, S. 9].

Während in China der Staat mittels dieses Scores die „totale soziale Kontrolle“ innehat, liegen die großen ökonomischen Gewinne des umfassenden Datensammelns in der westlichen Welt bei wenigen Konzernen.
Der Einzelne hofft hingegen, beispielsweise durch die Belohnungssysteme der Krankenkassen, einen kleinen ökonomischen Ertrag zu erzielen, in den Sozialen Medien Werbepartner zu akquirieren oder in der wissenschaftlichen Community seine Reputation zu steigern.
Steffen Mau konstatiert eine „allgemeine Mitmachbereitschaft“ beim Bewertungskult um Sterne und Punkte oder Likes in den Sozialen Medien. Und auch ich mit vitaLibris mache „im Wettkampf um die besseren Zahlen“ mit, weshalb ich sein Buch nun doch gelesen habe.

„Alles kann, soll oder muss vermessen werden — ohne Zahlen geht gar nichts mehr. […] die Art und Weise, wie sich die Gesellschaft selbst beobachtet und beschreibt, bezieht sich zunehmend auf die messbare Seite der Welt und des Lebens.“ [S. 25]

Auch auf das Leben mit Büchern.

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Hilla entdeckt Worte

Bereits im August 2018 habe ich mir einen Roman gekauft, den ich zwar schon gelesen hatte, dessen Geschichte mich aber schon so lange begleitete, dass ich eine eigene Ausgabe im Bücherregal stehen haben wollte. Es ist eine dtv-Ausgabe, gebraucht aus meiner Gemeindebücherei. Auf dem untersten Rand des Covers steht ein Mädchen auf braunem Feldweg, den Blick versunken in ein Buch gerichtet.
Gelesen habe ich damals die Originalausgabe der Deutschen Verlags-Anstalt, deren Umschlaggestaltung Flusskiesel zeigt.  Nach der Lektüre wusste ich, dass es auch „Buchsteine“ sein können.
Mit diesem Taschenbuch habe ich eine Geschichte erstanden, die – aufgrund ihres Gegenstandes und seiner historischen Einordnung – eigentlich auch nicht in einen E-Book-Reader passt.
Durch die zusätzliche haptische Wahrnehmung zweier Buchdeckel, bin ich als Leserin mittendrin: In einem kleinen Dorf am Niederrhein zwischen Köln und Düsseldorf. Mittendrin im Leben einer Arbeiterfamilie in den 1950er Jahren.

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Wenn du das Paradies suchst, geh‘ lieber weiter

Unser Freundeskreis liest und liest und liest. Mit Freunden, Freundinnen oder der Familie verbringt man dann auch gerne anderweitig seine Zeit, weshalb die Muße für schriftliche Ausführungen, die hier einen Beitrag füllen könnten, oft fehlt.
So habe ich für diese Buchvorstellung bei meiner Freundin lange nachhaken müssen, wollte ich doch selbst mehr erfahren als: “bietet interessante Einblicke“.

Silke ist unsere Weltreisende im Freundeskreis. Sie hat schon in der Wüste von Namibia unter freiem Himmel genächtigt oder in Mittelamerika abenteuerliche Bustouren unternommen.
Um sich einzustimmen liest sie natürlich Reiseberichte oder Reiseführer. Vom Berufsalltag der Technischen Zeichnerin abschalten kann sie auch mit einem spannenden Psychothriller oder Unterhaltungsroman, dessen Schauplatz am besten in einem ehemaligen Urlaubsdomizil liegt.
Vom letzten Geburtstag hatte Silke noch einen Gutschein vom örtlichen Buchladen. Drei Bücher nahm sie mit nach Hause; eines davon war Sven Borstelmanns Episodenroman um eine nordhessische Kommune Wenn du das Paradies suchst, geh lieber weiter.
Vielleicht muss man für gute Geschichten ja nicht um die halbe Welt reisen.

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O. Henrys Geschenk der Weisen

Das Geschenk der Weisen ist eine Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals erschienene Kurzgeschichte des US-amerikanischen Schriftstellers O. Henry. Für manche gehört sie zu den schönsten Weihnachtsgeschichten der Welt.

Das Beitragsbild zeigt die von P. J. Lynch illustrierte — und wunderbar stimmungsvoll das winterliche New York um 1910 einfangende — Sanssouci Ausgabe aus dem Thiele & Brandstätter Verlag. Diese enthält auch ein ehrendes Nachwort der Übersetzerin Eva-Maria Altemöller, über das Leben des Autors und die Entstehung eines Weihnachtsklassikers.

O. Henrys Kurzgeschichte erzählt ebenso von einer großen Liebe, die Das Geschenk der Weisen vor allem für Romantiker lesenswert macht.

O. Henry: Das Geschenk der Weisen, Übersetzung des Originaltexts, entnommen aus: „The Complete Edition of O. Henry: The Four Million (1903): Eva – Maria Altemöller, Illustration: P. J. Lynch, Sanssouci by Thiele & Brandstätter 2017,
ISBN der gebundenen Ausgabe 978-3-99056-052-5

Mothers on Earth

Während bald wieder die Geburt eines Sohnes vor 2019 Jahren gefeiert wird, beklagt UNICEF 30 Jahre nach der Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention deren mangelnde Umsetzung.
Neben die alten Probleme, wie Armut und schlechte Gesundheitsversorgung, treten Klimawandel und Cypermobbing, und allein im Zusammenhang mit Migration befinden sich 330.000 Kinder in Haft oder anderen Einrichtungen, wie Heimen oder Flüchtlingslagern. Weltweit seien laut einer Studie der Vereinten Nationen mehr als sieben Millionen Kinder ihrer persönlichen Freiheit beraubt.
Es bleibt eine immerwährende Aufgabe, auf das Leben der Kinder dieser Welt zu schauen. Nicht nur zu Jahrestagen oder Weihnachten.

In dem bei S. Fischer erschienenen Bildband Mothers on Earth der israelischen Fotografin Aliza Auerbach, macht der Verlag vorab auf die Arbeit von UNICEF aufmerksam.

Auerbach schaut auf die Mütter dieser Welt und sieht dabei auch auf die Kinder. Und wenn wir auch selbst keine Kinder haben, sind wir doch das Kind unserer Mutter. Dies ist eine elementare Erfahrung, die wir alle gemeinsam haben und im hier vorgestellten Buch zum Ausdruck kommt.

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Über das Vorlesen oder die Bedeutung des Kuschelns

Anlässlich des Bundesweiten Vorlesetags, den die Organisatoren seit 2004 als Deutschlands größtes Vorlesefest feiern, versuchen Prominente und Büchermenschen in diversen Medien, dem Vorlesen eine Lobby zu geben.
Die Süddeutsche Zeitung ließ am 15.11.2019 auf ihrer Panorama-Seite die Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Anna Thalbach mit wichtigen Anregungen zu Wort kommen, wartete allerdings mit dem Zitat in der Überschrift auf, dass es ein Verbrechen sei, wenn Eltern ihren Kindern nicht vorläsen.

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Der ungewöhnliche Roman des Mike McCormack

An einem trüben Herbsttag, „dessen Datum die Zeitung mit zweiter November angibt“, lässt sich der Ingenieur Marcus Conway von seinen Gedanken treiben.
Er steht in seinem Haus in der Grafschaft Mayo an der Westküste Irlands, seine Frau Mairead hat die lokale und die überregionale Zeitung auf dem Küchentisch bereitgelegt.
Wie immer hört er die mittäglichen Radionachrichten, nimmt auch beim Zeitunglesen teil am Weltgeschehen und „so verliere ich mich, wieder einmal in Erinnerungen“. Marcus Conway erzählt von seinem Elternhaus, von der ihn verstörenden, aber sehr erfolgreichen Kunstausstellung seiner Tochter, deren und seinem Verhältnis zu seinem Sohn Darragh oder seiner Rolle als Ingenieur im Bauamt der Grafschaft.
Mitte März erreichte ihn die Nachricht von Virusinfektionen und Vergiftungen:  „eine ganze Stadt, die sich die Seele aus dem Leib kotzte, Stoff für eine B-Movie-Apokalypse“. Auch Mairead erwischte es.

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Summer of ‘40 – Sommer 1940

„Bekanntmachung an der Anschlagtafel des Gemeindesaals von Chilbury

Sonntag, 24. März 1940

Da unsere männlichen Stimmen im Krieg sind, wird der Kirchenchor nach der Trauerfeier für Commander Edmund Winthorp nächsten Dienstag aufgelöst.

                                                                                   gez. Der Vikar “

 

Auf dieser Trauerfeier für den jungen Edmund Winthorp gaben die dem Kirchenchor verbliebenen Frauenstimmen „ihren Schwanengesang“, wie Mrs Tilling in ihrem Tagebuch schreibt.
Tagebuch schreiben — dazu regte ein Aufruf im Rundfunk an. Das Schreiben könne helfen, Verluste des Krieges besser zu verarbeiten. Auch die 13-jährige Kitty teilt ihre Gedanken ihrem Tagebuch mit.
Aus Briefen und Tagebucheinträgen anderer Chormitglieder und Dorfbewohner erfahren wir Leser, wie die Frauen mit Unterstützung der Musikprofessorin Prim einen in jeder Hinsicht starken Chor gründen.

Jennifer Ryan trifft in ihrem Roman Der Frauenchor von Chilbury gekonnt den Ton der Zeit zu Beginn des Zweiten Weltkrieges an der englischen Ostküste. Glaubhafte Charaktere erzählen uns von der Kraft, ja, von der geradezu heilenden Wirkung der Musik.
Das Singen hilft den Frauen, ihr Leben immer wieder neu anzugehen, trotz Schwarzmarkt, Spionage und der Luftangriffe der Deutschen mit verheerenden Folgen auch für den Chor.
Vor allem Mrs Tillings Verwandlung macht Freude. Ich werde sie ein wenig vermissen.

Eine gleichermaßen unterhaltsame wie tröstliche Geschichte — auch wenn man weiß, dass der Sommer 1940 erst der Anfang des Kriegsdramas war.

Jennifer Ryan (nach Erzählungen ihrer Großmutter), aus dem Englischen von Andrea O‘Brien: Der Frauenchor von Chilbury, Kiepenheuer & Witsch 2019,
ISBN der kartonierten Ausgabe 978-3-462-05287-9

Peter Bursch’s Gitarrenbuch und der Voggenreiter Verlag

Die Frage, was denn ein gutes Buch ausmache, wird oftmals an einer hochwertigen Ausstattung, wie Leinen- oder Ledereinband, Prägedruck, Schnittverzierung oder auch der aufschlagfreudigen Fadenheftung festgemacht.
Peter Bursch’s Gitarrenbuch kann all dies nicht aufweisen, zudem enthält der Titel das manchmal auch mit Bedacht gesetzte Apostroph dort, wo es eigentlich nicht hingehört.
Dennoch ist Burschs Gitarrenbuch eine Erfolgsgeschichte des Voggenreiter Verlags, und die Macher haben das Apostroph […] bewusst beibehalten. Wir hatten uns so daran gewöhnt und wollten deswegen nicht darauf verzichten.“[1]

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