Leben mit Büchern

Kategorie: Kurz!Besprochen (Seite 1 von 3)

Auf Andreas Föhr ist Verlass

Ach ja, kaum sah ich, dass mit Unterm Schinder der neunte Band der Regio-Krimi-Reihe um Kommissar Wallner und den sehr kreativ arbeitenden Polizeiobermeister Leo Kreuthner aus dem bayerischen Miesbach erschienen ist, da war er auch schon gelesen.

In dem jüngsten Kriminalroman von Andreas Föhr werden Kreuthner und seine neue Kollegin Lisa auf einem abgelegenen Hof in eine eigentlich von ihm — um bei ihr Eindruck zu schinden — inszenierte, dann aber überraschend doch mit scharfer Munition geführte Schießerei verwickelt.
Danach entdecken sie im Haus auch noch eine Tote: Carmen Skriba. Vor zwei Jahren wurde bereits deren Mann erschossen und Wallner hat für diese Tat eine gewisse Jennifer Wächtersbach hinter Gitter gebracht.
Die Motive für die Morde liegen jedoch weit mehr als zwei Jahre zurück. Im Prolog und in Rückblicken erhalten die Leser einen kleinen Vorsprung bei den Ermittlungen, die bis in die Münchner Halb- und Unterwelt, zu Autohändlern und Kredithaien führen.

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„Der ehemalige Sohn“ — Realität zwischen Absurdität, Tristesse und Tragik

Ist es tatsächlich wieder so still geworden in Minsk, wie es die Abendnachrichten erscheinen lassen? Ist diese Stadt tatsächlich wieder ins Koma geschlagen und getreten worden wie Der ehemalige Sohn in Sasha Filipenkos gleichnamigen Roman?

Filipenko erzählt von Franzisk, einem Fußball liebenden Cellospieler auf dem Musik-Lyzeum in Minsk, der bei einer Massenpanik im Vorfeld eines Rockkonzerts in einer U-Bahn-Unterführung zwar knapp mit dem Leben davonkommt, danach jedoch viele Jahre im Koma liegt. Nachdem der ihn behandelnde Arzt diesen Zustand nicht Leben nennen will und ihn als bloßes „Gemüse“ bezeichnet, ja, ihn eigentlich für tot erklärt, wendet sich sogar die Mutter ab. Allein seine Großmutter versucht alles, damit ihr geliebter Enkelsohn aufwacht.

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Weites Land, wertvolle Bibliotheken

Ganz ehrlich? Ein Buch mit dem Titel Die Bücherfrauen lasse ich eher links liegen. Dann fragte ich mich aber, ob denn das Netzwerk Bücherfrauen mit dem Roman zu tun hat und schaute mir erst einmal die Kurzbeschreibung sowie den Originaltitel an. Beides klang dann doch interessanter als der deutsche Titel.

In der amerikanischen Originalausgabe erschien das Debüt von Romalyn Tilghman unter dem Titel „To The Stars Through Difficulties“. Dies ist das Motto des US-Bundesstaates Kansas und gilt gewissermaßen auch für die Charaktere des Romans, die in der dortigen Kleinstadt New Hope aufeinandertreffen.

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Ein Argentinier in Oxford

„Haben Sie schon einmal von der Lewis-Carroll-Bruderschaft gehört?“

Nein? Das ist nicht weiter von Belang, denn auch dem namenlosen Ich-Erzähler, einem argentinischen Mathematikstudenten an der Universität Oxford, ist diese Bruderschaft nicht bekannt, als er 1994 in den Fall Alice im Wunderland gezogen wird.
Zudem handelt es sich bei diesem literarischen Kriminalroman um reine Fiktion, wie der Autor Guillermo Martínez in seinem Nachwort erklärt.
Fein gesponnen hat er diese Geschichte allerdings über die Forschungen nach den verschwundenen Tagebüchern und Tagebuchseiten Lewis Carrolls (1832 – 1898) und dessen Leidenschaft für die seinerzeit neue Kunstform der Fotografie sowie seiner Vorliebe besonders junger Mädchen als Modelle.

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Abgeblasen

Dieser Tage werden viele Kulturveranstaltungen, wegen eines Virus das weltweit ausgeatmet wird, abgeblasen. Das kostet Zeit, Nerven und viele Kulturschaffende Geld.
Mich persönlich stimmt es vor allem traurig, weil mir ein Stück Lebensqualität fehlt.

Abgeblasen ist auch ein Val McDermid Krimi, der im Fischer Taschenbuch Verlag schon unter dem Titel Mörderbeat in Manchester erschien. Diese Vorgehensweise der Verlage verwirrt Leser bisweilen. Ärgerlich ist, wenn erst nach dem Kauf auffällt, dass man den Roman schon gelesen oder bereits im Regal stehen hat. Dieser Gefahr habe ich mich nicht ausgesetzt, konnte ich mich an meine bisher gelesenen Val McDermid Romane ganz gut erinnern. Vor allem Die Erfinder des Todes habe ich als ziemlich spannend in Erinnerung.

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Kleine Auszeiten vom Wahnsinn der Welt

Klimawandel, Staats- und Wirtschaftskrisen oder Diskriminierung; mit all diesen Themen setzt sich Literatur — mehr oder weniger differenziert — auseinander.
Manchmal aber, und gerade dann wenn aus allen Kanälen nichts anderes schallt, nehme ich ein Buch zur Hand und reise auf die Nordseeinsel Föhr oder auch an die andere Seite Schleswig-Holsteins, an die Ostseeküste, begleite Privatdetektiv Leo Donat durch Deutschland und erfahre erstaunliches aus der Regio-Krimi-Szene, ermittele an der Seite einer risikoschwangeren Detektivin in Baltimore, und wenn ich gar nicht mehr in der Welt des 21. Jahrhunderts verweilen mag, versuche ich anno 665 mit Schwester Fidelma von Kildare herauszufinden, wer den ehrwürdigen Gelehrten Dacán ermordet hat.

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Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

In Ulla Lenzes Roman Der Empfänger sind die Protagonisten historisch verbürgt und die Handlung erscheint insofern interessant, dass Spione der deutschen Abwehr in New York am Vorabend des Zweiten Weltkrieges bisher in kaum einem Roman auftauchen.

Erzählt wird die Geschichte des Josef Klein, der 1925 von Düsseldorf nach New York auswanderte. Sein Bruder Carl musste in Deutschland bleiben, weil er bei einem Unfall ein Auge verloren hatte und deshalb keine Einreiseerlaubnis erhalten hätte.
1949 kehrt Josef nach Neuss zum Bruder und dessen Kleinfamilie zurück: von den Amerikanern ausgewiesen.
Carl weiß nur, dass Josef im Gefängnis war, aber nicht warum.

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Die Prüfungen des Lebens

Auf die Prüfungen des Lebens kann man sich nicht vorbereiten wie auf ein Quiz. Diese Erfahrung muss auch Brian Jackson, Ich-Erzähler in David Nicholls Roman Keine weiteren Fragen, machen.

Mitte der 80er Jahre hat Brian gerade sein Abitur der Langley-Street-Gesamtschule in der Tasche und zieht von Southend in der Grafschaft Essex in eine Studenten-Bude einer Universitätsstadt mit Türmchen.
„Okay, es ist vielleicht nicht Oxford oder Cambridge, aber es ist das nächstbeste. Die Hauptsache ist doch, dass es eine Universitätsstadt mit Türmchen ist. Träumenden Türmchen.“
Vor allem hat er dort ein Stipendium erhalten.
Das Größte für Brian wäre es, im Uni-Team für Englands anspruchsvollstes Fernsehquiz, der University Challenge, zu stehen. Das sah er als Kind mit seinem Vater, den er schon damals mit seinem Wissen beeindrucken konnte.

Von seinem Ankommen an der Uni, seinem Weg zum Quiz und in die Betten und Herzen der Kommilitoninnen lässt David Nicholls seinen pickligen, jungenhaften „Helden“ selbstironisch, in bester britischer Stand-up-Comedy-Manier erzählen.
Lachen oder mitfühlendes Kopfschütteln, all dies ist beim Lesen des Romans inbegriffen.
Immer wieder gibt es feine Anspielungen auf die englische Literatur (Brians Studienfach), Popmusik der 80er und natürlich ganz viel Quiz-Wissen.

Deshalb habe ich Keine weiteren Fragen, und sage, einfach lesen und lachen.

David Nicholls: Keine weiteren Fragen, aus dem Englischen von Ruth Keen, Heyne 2007;
die deutschsprachige Ausgabe erschien erstmals 2005 bei Kein & Aber

Tja, das ganze Leben ist ein Quiz — Hurz 😊.
— Dank an Hape Kerkeling.

O. Henrys Geschenk der Weisen

Das Geschenk der Weisen ist eine Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals erschienene Kurzgeschichte des US-amerikanischen Schriftstellers O. Henry. Für manche gehört sie zu den schönsten Weihnachtsgeschichten der Welt.

Das Beitragsbild zeigt die von P. J. Lynch illustrierte — und wunderbar stimmungsvoll das winterliche New York um 1910 einfangende — Sanssouci Ausgabe aus dem Thiele & Brandstätter Verlag. Diese enthält auch ein ehrendes Nachwort der Übersetzerin Eva-Maria Altemöller, über das Leben des Autors und die Entstehung eines Weihnachtsklassikers.

O. Henrys Kurzgeschichte erzählt ebenso von einer großen Liebe, die Das Geschenk der Weisen vor allem für Romantiker lesenswert macht.

O. Henry: Das Geschenk der Weisen, Übersetzung des Originaltexts, entnommen aus: „The Complete Edition of O. Henry: The Four Million (1903): Eva – Maria Altemöller, Illustration: P. J. Lynch, Sanssouci by Thiele & Brandstätter 2017,
ISBN der gebundenen Ausgabe 978-3-99056-052-5

Summer of ‘40 – Sommer 1940

„Bekanntmachung an der Anschlagtafel des Gemeindesaals von Chilbury

Sonntag, 24. März 1940

Da unsere männlichen Stimmen im Krieg sind, wird der Kirchenchor nach der Trauerfeier für Commander Edmund Winthorp nächsten Dienstag aufgelöst.

                                                                                   gez. Der Vikar “

 

Auf dieser Trauerfeier für den jungen Edmund Winthorp gaben die dem Kirchenchor verbliebenen Frauenstimmen „ihren Schwanengesang“, wie Mrs Tilling in ihrem Tagebuch schreibt.
Tagebuch schreiben — dazu regte ein Aufruf im Rundfunk an. Das Schreiben könne helfen, Verluste des Krieges besser zu verarbeiten. Auch die 13-jährige Kitty teilt ihre Gedanken ihrem Tagebuch mit.
Aus Briefen und Tagebucheinträgen anderer Chormitglieder und Dorfbewohner erfahren wir Leser, wie die Frauen mit Unterstützung der Musikprofessorin Prim einen in jeder Hinsicht starken Chor gründen.

Jennifer Ryan trifft in ihrem Roman Der Frauenchor von Chilbury gekonnt den Ton der Zeit zu Beginn des Zweiten Weltkrieges an der englischen Ostküste. Glaubhafte Charaktere erzählen uns von der Kraft, ja, von der geradezu heilenden Wirkung der Musik.
Das Singen hilft den Frauen, ihr Leben immer wieder neu anzugehen, trotz Schwarzmarkt, Spionage und der Luftangriffe der Deutschen mit verheerenden Folgen auch für den Chor.
Vor allem Mrs Tillings Verwandlung macht Freude. Ich werde sie ein wenig vermissen.

Eine gleichermaßen unterhaltsame wie tröstliche Geschichte — auch wenn man weiß, dass der Sommer 1940 erst der Anfang des Kriegsdramas war.

Jennifer Ryan (nach Erzählungen ihrer Großmutter), aus dem Englischen von Andrea O‘Brien: Der Frauenchor von Chilbury, Kiepenheuer & Witsch 2019,
ISBN der kartonierten Ausgabe 978-3-462-05287-9

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