Leben mit Büchern

Schlagwort: Gesellschaft (Seite 1 von 3)

Faszinierend irritierend – „Die Flucht“ von Fuminori Nakamura

Ein Hund bellt.“

Und schon nach dem ersten Satz wird es so richtig spannend in Fuminori Nakamuras Roman über die legendenumwobene Trompete „Fanaticism“, in dem die Leser sich mit dem Protagonisten auf eine aufregend irritierende Flucht begeben.
Der Journalist und Buchautor Kenji Yamamine begegnet bei Recherchen nach der Geschichte dieser Trompete seiner großen Liebe Anh und kommt später selbst in den Besitz des Instruments. Der Trompete wird eine regelrecht überwältigende Macht nachgesagt, weshalb immer mehr dubiose Leute hinter ihr und Kenji her sind …

Autor Fuminori Nakamura lässt seinen Ich-Erzähler auf seiner Flucht über viele Themen nachdenken. Diese reichen zum Teil weit in die japanische Geschichte zurück, behandeln jedoch zeitlose universelle Zusammenhänge. Dabei konfrontiert er die Leser mit existenziellen gesellschaftlichen und individuellen Dilemmata in einer komplexen Welt.
Das klingt so furchtbar kompliziert, wie das Leben nun einmal ist, läuft indes auch auf die Frage hinaus, woran wir Menschen in Zeiten von Hass und Rechtspopulismus glauben wollen und können, und was passiert, wenn wir an unsere Grenzen kommen, für unsere Werte einzustehen.

Über all das, was den Flüchtenden beschäftigt, kann ich als Leserin ebenso nachdenken und miträtseln, mag vielleicht sogar Bezüge zu Kafka erkennen. Da aber die Richtung oder gar das Ende der Handlung nicht vorhersehbar ist, kann ich mich auch einfach nur in eine unheimlich fesselnde Geschichte vertiefen.

Ganz gleich, ob man Die Flucht eher als Spannungs-, Liebes- oder Gesellschaftsroman liest, für mich persönlich war das Buch ein echter Pageturner.

 

Fuminori Nakamura: Die Flucht, aus dem Japanischen von Luise Steggewentz, Diogenes 2024
ISBN der gebundenen Ausgabe
978-3-257-07285-3
ISBN der E-Book Ausgabe (epub)
978-3-257-61472-5

Mit unerhörten Frauen in Klausur gehen

Wer sich angesichts der gewaltsamen Konflikte in dieser Welt einfach mal zurückziehen möchte, dem kann dies mit dem Buch Unerhörte Frauen in besonderer Weise gelingen. Henrike Lähnemann und Eva Schlotheuber nehmen die Leser mit in Klausur mittelalterlicher Frauenklöster und lassen sie dadurch am Leben der Nonnen teilhaben.

Von wenigen Ausnahmen wie Hildegard von Bingen abgesehen, sind diese Frauen in der säkularisierten modernen Gesellschaft bis heute unerhört im Sinne von ungehört geblieben. Im Mittelalter hingegen waren die Nonnen und ihre Klostergemeinschaft trotz ihrer Abgeschiedenheit ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Das Selbstverständnis der Frauen als „Bräute Christi“ und direkte Stimme zu Gott verlieh ihnen Anerkennung in der Gemeinde.
Zudem war das Kloster der einzige Bildungsort für Frauen. Die Nonnen lernten und lehrten Latein, Theologie, Philosophie und Musik. Sie führten auch ein Leben mit Büchern, waren sie doch kundig in Schrifttum und Herstellung.
Zeugnisse dieser umfassenden Bildung der Frauen sind zum Beispiel die Ebstorfer Weltkarte oder der Heininger Philosophenteppich, denen im Buch eigens Kapitel gewidmet sind.
Nach außen galt es, die Wirtschaft und Verwaltung des Klosters zu organisieren oder Seuchen wie der Pest zu begegnen.

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Fernab von Bollywood

Mord ist der treffend kurze und mich dadurch direkt ansprechende Titel des Kriminalromans der indischen Autorin Anjali Deshpande.
Ich entdeckte ihn auf dem Büchertisch zum ersten Kasseler Krimisalon, der in Kooperation mit dem Literaturhaus Kassel im sanierten Palais Bellevue stattfand. Wenngleich an diesem Abend nicht aus dem Roman gelesen wurde, ließen mich die Covergestaltung mit dem erwähnten Titel, der Klappentext und die Sprache der ersten Seite das Buch mit nach Hause nehmen.

Am Tag nach Holi, dem indischen Fest der Farben, wird auf dem Landgut des reichen Geschäftsmannes J. J. Bindal vor den Toren Neu Delhis eine junge Frau mit einer sehr großen Schnittwunde im Unterleib aufgefunden. Da es sich bei der Toten wahrscheinlich um eine Prostituierte handelt und die Dorfbewohner ohnehin nicht mit der Polizei reden, wird in diesem Fall nicht gerade mit Hochdruck ermittelt. Nur der vom Dienst suspendierte Adhirath nutzt instinktiv seine überschüssige Zeit und forscht bei den Beteiligten weiter nach.
Dabei belasten Adhiraths Suspendierung und die wegen eines Dienstvergehens anstehende Anhörung seine Familie schon bis aufs Äußerste.

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Entschleunigen im Kreis der Freunde

Seit Kindheitstagen sind die von ihren Eltern sehr behütete Benny Hogan und Eve Malone, ein Waisenmädchen aus dem Kloster in Knockglen, einem kleinen irischen Dorf, enge Freundinnen.
1957 beginnen beide ein Studium am University College in Dublin. Bei einem Verkehrsunfall am ersten Studientag treffen sie auf die selbstsichere Nan Mahon und den Arztsohn Jack Foley, der es versteht, einen Freundeskreis um sich zu scharen, zu dem nun auch Benny und Eve gehören. Im Laufe der Zeit kommt es zu einigen Belastungsproben innerhalb der Clique, doch die jungen Frauen vergessen nicht ihre Herkunft und können sich aufeinander verlassen.

Im Kreis der Freunde ist ein Roman der irischen Schriftstellerin Meave Binchy, die, wie ihre Protagonistinnen Benny und Eve, in einem Dorf in der Nähe von Dublin aufwuchs und ebenso am University College studierte.
Die sicherlich auch selbst erfahrenen Spannungen zwischen dörflichem Alltag und städtischem Universitätsleben, mit all den religiösen und familiären Zwängen und gesellschaftlichen Veränderungen im Irland Ende der 50er Jahre, beschreibt sie mit ruhigem Ton.
Menschlich zugewandt und wohltuend unaufgeregt erzählt Maeve Binchy dabei von den komplizierten und schönen Dingen zwischen Geburt und Tod.

Beim Lesen des Romans Im Kreis der Freunde habe ich mich gerne treiben lassen, weil die Zumutungen der Gegenwart darüber verblassten.
Deshalb geht auch ein besonderer Dank an meine Godel, die mir vor Jahren die Bücher von Maeve Binchy empfohlen hat.

Maeve Binchy: Im Kreis der Freunde, aus dem Englischen von Christine Strüh und Robert Weiß, Kollektiv Druck-Reif, Droemer Knaur 1995, 1998

ISBN der E-Book Ausgabe (2012 epub)
978-3-426-41744-7

Die reichste Frau der Welt und die Justiz

Was sollte sie laut Kritiker alles darstellen: „die Gerechtigkeit“, „den Marshallplan oder gar die Apokalypse“. Die Rede ist von Claire Zachanassian, der Hauptfigur in Friedrich Dürrenmatts Theaterstück Der Besuch der alten Dame.
Es entstand 1955 und wurde am 29. Januar 1956 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Fremdsprachige Aufführungen folgten in Japan, Paris oder auch am Shakespeare Memorial Theatre in Stratford-upon-Avon und heute gilt es als das bedeutendste Theaterstück Dürrenmatts.
Für die bei Diogenes erschienene Werkausgabe schrieb Dürrenmatt 1980 seine letzte und literarisch gültige Fassung, die auch immer noch als Schullektüre gelesen wird.
Dabei gefällt das Cover, der Bildausschnitt Nude with blue Hair von Roy Lichtenstein, dem Leser scheinbar nicht so gut wie die von ihm aufgeklebte Haselmaus. Auch sonst kam das Stück beim Schüler eher so lala an. Ich jedoch freute mich und nutzte die Gelegenheit, endlich mal wieder Dürrenmatt zu lesen.

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Lächeln und Zuhören

Vor fünfzig Jahren übersetzte die Schriftstellerin Eva Demski mit dem Buch „Anarchismus – Begriff und Praxis“ von Daniel Guérin einen Klassiker zum Thema. Seitdem schaute sie viel bewusster auf anarchistische Lebensformen und dahinterstehende Ideen.

Nun ist sie mit Neugier und Freude auf die Suche gegangen, um den „Zauber einer unideologischen Denkweise wiederzuentdecken“ und auch anarchistischen Ideen der Gegenwart nachzuspüren. Dafür hat sie ein Album angelegt, in dem sich bekannte und weniger bekannte oder gar vergessene Menschen finden, die verschiedene „Denkelemente des Libertären“ in ihrem Leben oder auch für andere ermöglichen wollten. Davon grenzt sie den Anarchismus als Doktrin ab und berichtet auch von „Irrwegen“, die etwa mit Gewalt beschritten wurden.
Demski unterscheidet den Anarchisten vom Anarchen, zu denen sie beispielsweise Marcel Reich-Ranicki oder Udo Lindenberg zählt und von denen sie unterhaltsam erzählt. Das macht sie wunderbar subjektiv – schließlich ist es ihr Album. Sie lässt ihre Gedanken aber nicht unbegründet und schaut voller Respekt auf die Leben der von ihr vorgestellten Menschen.

Mit Fotos, die Spuren des Anarchismus im Stadtbild zeigen, werden die Geschichten um Banksy und Co ergänzt. So, wie es sich für ein Album gehört.

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Ein wildes Jahr

Das Jahr 2022 habe ich persönlich als ziemlich unruhiges Jahr empfunden. Um es mal etwas beschönigend auszudrücken.

Obwohl es endlich einen Covid-Impfstoff gibt, hatte fast jeder in diesem Jahr eine Infektion mit dem Virus. Ein Verbrecher, samt seiner kriminellen Handlanger, zieht seinen imperialistischen Angriffskrieg ohne Rücksicht auf Verluste gnadenlos durch. In der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst ging es kaum um dieselbe und ein wild gewordener Milliardär sorgt dafür, dass eine, für mich bisher recht entspannte, Social-Media-Plattform von den vielen neuen Nutzern fast genauso hektisch betrieben wird wie dieser Microbloggingdienst, den der Milliardär nun doch kaufen musste.
Hinzu kam manch wilde Diskussion über „die gespaltene Gesellschaft“, Identität und „kulturelle Aneignung“, über Pazifismus und Antisemitismus, beziehungsweise darüber, selbst „auf der richtigen Seite zu stehen“.
Und natürlich ging es auch um Meinungs-, Rede-, Kunst- oder andere Freiheiten.

Ein wenig unter ging dabei, dass es doch auch endlich wieder Veranstaltungen mit interessantem literarischen Bezug gab. Gerne hätte ich zum Beispiel die Kasselbuch Übersetzertage besucht oder wäre zur szenischen Lesung mit einem Vortrag zum Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller gegangen, die im Juli im Naturkundemuseum Kassel stattfinden sollte.

Aus diesem Grund hatte ich mir im Frühsommer schon mal vorab Rüdiger Safranskis Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft, ausgeliehen.

Nun, ein wenig wild gestaltete sich daraufhin auch mein Leseleben. Da ich dann doch keiner dieser Veranstaltungen beiwohnen konnte, hatte ich aus dem Buch zwar so einiges über die Beziehung zwischen Goethe und Schiller neu erfahren, für einen Beitrag hier aber nicht die Muse. So wendete ich mich in der Ferienzeit erst einmal der etwas abwechslungsreicheren Unterhaltungs- beziehungsweise Spannungsliteratur zu. Unter anderem standen Elisabeth Herrmanns Zartbittertod oder Anthony Horowitz‘ Die Morde von Pye Hall auf dem Programm.

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„Weiter atmen“ für das, was im Leben wirklich zählt

Der Londoner Lehrer Michael Kabongo hat seinen Job gekündigt, hat seinen Besitz der Wohlfahrt übergeben, bis auf ein Buch, das er auf jede Reise mitnahm, und hat in letzter Minute seinen Flieger nach San Francisco bestiegen, um mit seinen gesamten Ersparnissen von 9.021 Dollar auf seine letzte Reise zu gehen.
Sind sie aufgebraucht, „bringe ich mich um.“

Was hat ihn zu diesem Entschluss getrieben, und wie wird diese Geschichte ausgehen?

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Mensch Kalmann, war das spannend!

Wer nach dem letzten Beitrag über deutsche Immigrantinnen in Island mehr Lust auf Geschichten von der Vulkaninsel im hohen Norden bekommen hat, sollte sich von Kalmann die besondere Geschichte über den Vermisstenfall des „Königs von Raufarhöfn“ erzählen lassen.

Diese Geschichte ist vor allem deshalb besonders, weil Kalmann selbst besonders ist. In Raufarhöfn gilt er daher für einige als der Dorfdepp. Seit sein Großvater, mit dem er in dessen Haus bisher zusammengewohnt hat und der immer einen Rat wusste, mehr als hundert Kilometer entfernt von Raufarhöfn im Pflegeheim lebt, fühlt er sich oft allein. Als er im Schnee eine Blutlache entdeckt und das ganze Dorf, Polizei und Suchtrupps, ja, irgendwann gefühlt ganz Island von ihm wissen will, ob das Blut mit dem Verschwinden von Róbert McKenzie zu tun hat, wird ihm das schon mal zu viel.

Kalmann ist natürlich nicht der Dorfdepp. Irgendwie erscheint er der Leserin eher wie der Narr am Hofe Raufarhöfns. Mit seiner fast kindlich naiven Art deckt er so einige Machenschaften und Zusammenhänge in der Dorfgesellschaft auf. Und so ist Kalmanns Geschichte immer ein wenig tragikomisch und am Ende richtig spannend.

Autor Joachim B. Schmidt weiß, wovon er schreibt.
Seit 2007 lebt der gebürtige Schweizer in Island. Er absolvierte dort eine Ausbildung zum Reiseleiter, die ihn tief in die Geschichte und die Natur Islands führte. Als interessierter Journalist lernte er auch die Lebensbedingungen und das Lebensgefühl der Menschen am Rande des nördlichen Polarkreises kennen, fern der Hauptstadt, abhängig von Fangquoten und Tourismus.

 

Joachim B. Schmidt: Kalmann, Diogenes 2020,
ISBN der Leinenausgabe
978-3-257-07138-2
ISBN des Taschenbuchs
978-3-257-24644-5
ISBN der E-Book Ausgabe (epub)
978-3-257-61136-6

„Warum wissen wir nichts davon?“

Warum wissen wir hier in Deutschland nichts davon, dass ab 1949 deutsche Frauen eine große Immigrantinnengruppe in Island gewesen sind? Das fragte sich die Autorin Anne Siegel, als sie eines Abends von ihrer isländischen Freundin davon erfuhr.
Auch meine liebe Freundin Franziska, die ich schon seit Studientagen kenne, hatte noch nichts von diesem hochinteressanten Kapitel deutsch-isländischer Zeitgeschichte gehört, und nachdem sie Anne Siegels Buch Frauen, Fische, Fjorde entdeckte, hat sie es bisher noch viermal in ihrem Freundeskreis verschenkt, eines eben auch an mich.

Dazu, warum wir nichts darüber wissen, stellt Anne Siegel nur im Epilog kurze Überlegungen an, die von ihren persönlichen Eindrücken aus den intensiven Gesprächen mit den inzwischen betagten Frauen und dem eigenen historischen Lernen in der Bundesrepublik der 70er Jahre beeinflusst sind.
Aber dank ihres Buches erfahren wir nun endlich doch davon.

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