Leben mit Büchern

Schlagwort: Gesellschaft (Seite 1 von 3)

Ein wildes Jahr

Das Jahr 2022 habe ich persönlich als ziemlich unruhiges Jahr empfunden. Um es mal etwas beschönigend auszudrücken.

Obwohl es endlich einen Covid-Impfstoff gibt, hatte fast jeder in diesem Jahr eine Infektion mit dem Virus. Ein Verbrecher, samt seiner kriminellen Handlanger, zieht seinen imperialistischen Angriffskrieg ohne Rücksicht auf Verluste gnadenlos durch. In der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst ging es kaum um dieselbe und ein wild gewordener Milliardär sorgt dafür, dass eine, für mich bisher recht entspannte, Social-Media-Plattform von den vielen neuen Nutzern fast genauso hektisch betrieben wird wie dieser Microbloggingdienst, den der Milliardär nun doch kaufen musste.
Hinzu kam manch wilde Diskussion über „die gespaltene Gesellschaft“, Identität und „kulturelle Aneignung“, über Pazifismus und Antisemitismus, beziehungsweise darüber, selbst „auf der richtigen Seite zu stehen“.
Und natürlich ging es auch um Meinungs-, Rede-, Kunst- oder andere Freiheiten.

Ein wenig unter ging dabei, dass es doch auch endlich wieder Veranstaltungen mit interessantem literarischen Bezug gab. Gerne hätte ich zum Beispiel die Kasselbuch Übersetzertage besucht oder wäre zur szenischen Lesung mit einem Vortrag zum Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller gegangen, die im Juli im Naturkundemuseum Kassel stattfinden sollte.

Aus diesem Grund hatte ich mir im Frühsommer schon mal vorab Rüdiger Safranskis Goethe & Schiller, Geschichte einer Freundschaft, ausgeliehen.

Nun, ein wenig wild gestaltete sich daraufhin auch mein Leseleben. Da ich dann doch keiner dieser Veranstaltungen beiwohnen konnte, hatte ich aus dem Buch zwar so einiges über die Beziehung zwischen Goethe und Schiller neu erfahren, für einen Beitrag hier aber nicht die Muse. So wendete ich mich in der Ferienzeit erst einmal der etwas abwechslungsreicheren Unterhaltungs-, beziehungsweise Spannungsliteratur zu. Unter anderem standen Elisabeth Herrmanns Zartbittertod oder Anthony Horowitz‘ Die Morde von Pye Hall auf dem Programm.

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„Weiter atmen“ für das, was im Leben wirklich zählt

Der Londoner Lehrer Michael Kabongo hat seinen Job gekündigt, hat seinen Besitz der Wohlfahrt übergeben, bis auf ein Buch, das er auf jede Reise mitnahm, und hat in letzter Minute seinen Flieger nach San Francisco bestiegen, um mit seinen gesamten Ersparnissen von 9.021 Dollar auf seine letzte Reise zu gehen.
Sind sie aufgebraucht, „bringe ich mich um.“

Was hat ihn zu diesem Entschluss getrieben, und wie wird diese Geschichte ausgehen?

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Mensch Kalmann, war das spannend!

Wer nach dem letzten Beitrag über deutsche Immigrantinnen in Island mehr Lust auf Geschichten von der Vulkaninsel im hohen Norden bekommen hat, sollte sich von Kalmann die besondere Geschichte über den Vermisstenfall des „Königs von Raufarhöfn“ erzählen lassen.

Diese Geschichte ist vor allem deshalb besonders, weil Kalmann selbst besonders ist. In Raufarhöfn gilt er daher für einige als der Dorfdepp. Seit sein Großvater, mit dem er in dessen Haus bisher zusammengewohnt hat und der immer einen Rat wusste, mehr als hundert Kilometer entfernt von Raufarhöfn im Pflegeheim lebt, fühlt er sich oft allein. Als er im Schnee eine Blutlache entdeckt und das ganze Dorf, Polizei und Suchtrupps, ja, irgendwann gefühlt ganz Island von ihm wissen will, ob das Blut mit dem Verschwinden von Róbert McKenzie zu tun hat, wird ihm das schon mal zu viel.

Kalmann ist natürlich nicht der Dorfdepp. Irgendwie erscheint er der Leserin eher wie der Narr am Hofe Raufarhöfns. Mit seiner fast kindlich naiven Art deckt er so einige Machenschaften und Zusammenhänge in der Dorfgesellschaft auf. Und so ist Kalmanns Geschichte immer ein wenig tragikomisch und am Ende richtig spannend.

Autor Joachim B. Schmidt weiß, wovon er schreibt.
Seit 2007 lebt der gebürtige Schweizer in Island. Er absolvierte dort eine Ausbildung zum Reiseleiter, die ihn tief in die Geschichte und die Natur Islands führte. Als interessierter Journalist lernte er auch die Lebensbedingungen und das Lebensgefühl der Menschen am Rande des nördlichen Polarkreises kennen, fern der Hauptstadt, abhängig von Fangquoten und Tourismus.

 

Joachim B. Schmidt: Kalmann, Diogenes 2020,
ISBN der Leinenausgabe
978-3-257-07138-2
ISBN des Taschenbuchs
978-3-257-24644-5
ISBN der E-Book Ausgabe (epub)
978-3-257-61136-6

„Warum wissen wir nichts davon?“

Warum wissen wir hier in Deutschland nichts davon, dass ab 1949 deutsche Frauen eine große Immigrantinnengruppe in Island gewesen sind? Das fragte sich die Autorin Anne Siegel, als sie eines Abends von ihrer isländischen Freundin davon erfuhr.
Auch meine liebe Freundin Franziska, die ich schon seit Studientagen kenne, hatte noch nichts von diesem hochinteressanten Kapitel deutsch-isländischer Zeitgeschichte gehört, und nachdem sie Anne Siegels Buch Frauen, Fische, Fjorde entdeckte, hat sie es bisher noch viermal in ihrem Freundeskreis verschenkt, eines eben auch an mich.

Dazu, warum wir nichts darüber wissen, stellt Anne Siegel nur im Epilog kurze Überlegungen an, die von ihren persönlichen Eindrücken aus den intensiven Gesprächen mit den inzwischen betagten Frauen und dem eigenen historischen Lernen in der Bundesrepublik der 70er Jahre beeinflusst sind.
Aber dank ihres Buches erfahren wir nun endlich doch davon.

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Hausbesuch von Dr. Lucy Pollock

Also — ich persönlich gehe nicht so gern zu Ärzten. Womöglich bleibt mir dieser Gang aber in Zukunft immer weniger erspart, denn wenn ich älter werde, steigt eben auch die Wahrscheinlichkeit, meine Krankheiten zu erleben. Um mal zu schauen was da eventuell auf mich zukommt, habe ich mir Dr. Lucy Pollock mit ihrem „Buch über das Älterwerden“ ins Haus geholt.

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„Der ehemalige Sohn“ — Realität zwischen Absurdität, Tristesse und Tragik

Ist es tatsächlich wieder so still geworden in Minsk, wie es die Abendnachrichten erscheinen lassen? Ist diese Stadt tatsächlich wieder ins Koma geschlagen und getreten worden wie Der ehemalige Sohn in Sasha Filipenkos gleichnamigen Roman?

Filipenko erzählt von Franzisk, einem Fußball liebenden Cellospieler auf dem Musik-Lyzeum in Minsk, der bei einer Massenpanik im Vorfeld eines Rockkonzerts in einer U-Bahn-Unterführung zwar knapp mit dem Leben davonkommt, danach jedoch viele Jahre im Koma liegt. Nachdem der ihn behandelnde Arzt diesen Zustand nicht Leben nennen will und ihn als bloßes „Gemüse“ bezeichnet, ja, ihn eigentlich für tot erklärt, wendet sich sogar die Mutter ab. Allein seine Großmutter versucht alles, damit ihr geliebter Enkelsohn aufwacht.

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„Hoffnung auf Zukunft“

Zwischen dem Erscheinen der ersten beiden Bände der autobiografisch gefärbten „Hilla-Palm-Saga“, Das verborgene Wort (2001) und Aufbruch (2009), lagen lange acht Jahre. Auf den dritten Teil, Spiel der Zeit, musste sich die Leserschaft dann noch bis 2014 gedulden. Es sind jeweils sehr umfangreiche Romane, in denen die Autorin Ulla Hahn den Lebensweg der Hilla Palm, einem „Kenk vun nem Prolete“ aus einem niederrheinischen Dorf — und ausgestattet mit einer großen Liebe zu den Wörtern — an die höhere Schule und zur Universität in Köln erzählt.

Werk mit Autorin

Begleitet die Leserin, wie hier auf vitaLibris schon beschrieben, in den ersten beiden Bänden die Ich-Erzählerin Hilla immer sehr unmittelbar, erlebt und fühlt direkt mit, beginnt dann auch das Spiel der Zeit mit dem Leitmotiv LOMMER JONN.

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Begegnungen

Eine Begegnung kann dein ganzes Leben verändern. Im Job, in der Liebe, beim Sport oder beim Einkaufen. Selbst ohne dieses Bewusstsein sind Begegnungen für die meisten Menschen lebenswichtig.

Auch um unterschiedliche Perspektiven von Herkunft und Heimat aufzuspüren, Vorurteile sichtbar zu machen und aufzuzeigen, worin Menschen Heimat finden können, sind Begegnungen von Bedeutung.

Ein Mann der in den letzten Jahren die Begegnung mit Menschen unterschiedlichster Herkunft — auf analogen und digitalen Wegen — gesucht und ermöglicht hat, ist der Sozialaktivist und Autor Ali Can.

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HERKUNFT — Heimat — Horizonte

Die Literaturszene ist vielfältig — vom Global Player bis zum Selbstverlag einzelner Autoren, von der Buchhandelskette bis zum Inhaber geführten Buchladen.
Vom bekannten Literaturkritiker über leidenschaftliche Lokalredakteure bis zum Hobby-Buchblogger und natürlich den unterschiedlichsten Lesern.

Dazu bereichern lokale Lesekreise oder Kulturvereine die Literaturszene.
Um diese zu unterstützen initiierte das Literarischen Colloquium Berlin das Projekt Seitab liegt die Stadt — für das Jahr 2020 mit dem Thema Herkunft —, an dem sich die Begegnungsstätte Kaufungen beteiligt.

Eine konkrete, geografische wie sozio-kulturelle Herkunft haben wir alle, und in Deutschland hat inzwischen „jeder Vierte eine familiäre Einwanderungsgeschichte“[1].

Manche fühlen sich auf ihre Herkunft reduziert, andere schämen sich ihrer oder verleugnen sie sogar. Wieder andere ziehen Kraft aus den Lebenserfahrungen, die sie durch ihre Herkunft machen durften oder gehen zumindest selbstbewusst mit der eigenen Herkunft um.

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Schade um dieses „Doppelleben“

Den jüngsten Protesten gegen Rassismus in den USA folgte eine große Solidaritätswelle, auch in Deutschland. #BlackOutTuesday oder #BlackLivesMatter wurde gepostet und Literatur zum Thema vorgestellt.
Für mich bot sich die Gelegenheit ein dazu passendes ungelesenes Buch aus meinem Regal zu greifen: Tim Parks Doppelleben.

Daniel Savage ist Richter der Englischen Krone.
Mit seiner Frau Hilary und den beiden Kindern Sarah und Tom, freut er sich nach einer Affäre auf einen Neuanfang. Er will raus aus der Stadt, hat ein Haus im Grünen mit Kamin und ein Klavier für die Frau gekauft, so sieht er der Zukunft positiv entgegen.
Doch die Vergangenheit ruht nicht: Eine längst verflossene Geliebte will ihn dringend sprechen, Savage erhält merkwürdige Nachrichten und der Bruder will mal wieder Geld.
Sein alter Freund Martin, der ihn immer beratend unterstützte, ist ihm keine Hilfe. Nachdem Daniel ihm bei der Berufung zum Richter vorgezogen wurde, zweifelt Martin am System, sammelt Motten und schaut täglich Seifenopern.

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