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Leben mit Büchern

Tomte Tummetott macht Hoffnung

Tomte ist ein uralter Wichtel, ein Wichtel, so wie wir ihn uns nach den Überlieferungen nur vorstellen können.

Er ist klein, hat einen langen weißen Bart und trägt eine rote Wichtelmütze.

Tomte lebt verborgen auf jedem Bauernhof und in jedem Haus. Nur des Nachts kommt er hervor, schaut nach den Tieren im Stall und den schlafenden Menschen. Gesehen hat ihn noch niemand, aber jeder weiß, dass es ihn wirklich gibt.

In Astrid Lindgrens Text von Tomte Tummetott raunt er den Tieren und uns hoffnungsvolle Wichtelworte zu:

Viele Winter und viele Sommer sah ich kommen und gehen. Geduld nur, Geduld! Der Frühling ist nah.“

Und solange im Haus Erde noch Menschen wohnen, wird Tomte auf sie aufpassen.

Lasst uns also gut zu ihnen sein – zu Tomte, den Menschen und der Erde auf der wir wohnen.

Astrid Lindgren: Tomte Tummetott, mit Bildern von Harald Wiberg, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1960

Die schwedische Originalausgabe erschien im selben Jahr unter dem Titel TOMTEN.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert immer wieder schön, wärmt dieses Buch die Herzen der Menschen.

 

„Unsichtbare Tinte“

Verwischte Fenster zur Erinnerung

Jean Eyben erinnert sich.
An seinen ersten Auftrag, den er vor Jahrzehnten in der Agentur Hutte erhalten hatte.
An seine Nachforschungen im Pariser 15. Arrondissement über die verschwundene Noëlle Lefebvre.
Warum hat er das kurze Dossier über diesen Fall „zur Erinnerung“ in seine Ledertasche gesteckt, nachdem er die Agentur wenige Monate später schon wieder verließ?
Er macht sich noch einmal auf die Suche nach Noëlle Lefebvre und seinen Erinnerungen.

Ich frage mich: Braucht es wirklich eine Antwort? Ich fürchte, hat man einmal alle Antworten gefunden, dann wird das Leben hinter einem zuschnappen wie eine Falle, mit dem Schlüsselgeklirr von Gefängniszellen. Wäre es nicht ratsamer, man ließe Brachflächen um sich herum, in die man entwischen kann?“

Doch Antworten ergeben sich, bleiben sie vielleicht auch unausgesprochen und unscharf wie das Foto auf dem Buchcover.

Für das Lesen dieses — an Seiten schmalen — Romans sollte man sich Zeit nehmen und Ruhe haben, sollte für sich sein, bei sich sein, „Störgeräusche“ ausblenden, wie es auch Jean Eyben auf der Reise zu seinen Erinnerungen versucht. Dann kann man etwas Großes finden.

Satz für Satz wunderbar formuliert, erzählt der Nobelpreisträger Patrick Modiano in Unsichtbare Tinte eine rätselhaft schöne Geschichte über das Vergessen und Erinnern, über die subjektive Wahrnehmung von Begegnungen und Orten im Laufe des Lebens.

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag 2021,
ISBN der gebundenen Ausgabe
978-3446-26918-7

Hausbesuch von Dr. Lucy Pollock

Also — ich persönlich gehe nicht so gern zu Ärzten. Womöglich bleibt mir dieser Gang aber auch in Zukunft immer weniger erspart, denn wenn ich älter werde, steigt eben auch die Wahrscheinlichkeit, meine Krankheiten zu erleben. Um mal zu schauen was da eventuell auf mich zukommt, habe ich mir Dr. Lucy Pollock mit ihrem „Buch über das Älterwerden“ ins Haus geholt.

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Urlaub mit Mord

Seinen Urlaub auf einem Campingplatz zu verbringen ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. So auch nicht die des Polizeiobermeisters Richard Staudinger. Von seiner Chefin, Kommissarin Paula Frischkes, und der Schwester gedrängt, verschlägt es den Franken dann doch mit seinem alten Zelt auf den Platz ins idyllische Oberbürzl nahe Regensburg.
Nun hat er sich noch nicht mal richtig mit den Gepflogenheiten beim Spülen, Duschen oder Angeln vertraut gemacht, da findet sich in dem den Campingplatz angrenzenden Wald — genauer, im sogenannten Spukhäusl — ein Toter.
Auch um die eigene Sicherheit bedacht, beginnt Staudinger der Sache nachzugehen und erfährt schaurige Geschichten aus der Vergangenheit.

Camping mit Mord ist ein humorvoller Regiokrimi, bei dem das Feuilleton der Zeitung, hübsch gefaltet, schon mal als Sonnenhut dient. Ab und an wird es sogar spannend in der Oberpfalz.
Als Leser — sollte man dem Camping auch nicht so zugeneigt sein — kann man Staudingers kurzweiligen Urlaub ohne Gefahren, im Trocknen und vor Insekten geschützt, durchaus genießen.
Vor allem dann, wenn seine Schwester, die doch etwas anstrengend daherkommt, ihn in Ruhe lässt.

2015 erschien von Martina Tischlinger mit Kloß mit Soß der erste Band um die Kommissarin Paula Frischkes. Ob bloß abgekupfert oder als Hommage gedacht, erinnert die Konstellation der in die Provinz versetzten Großstädterin jedenfalls sehr an die Fernsehserie „Mord mit Aussicht“.

Martina Tischlinger: Camping mit Mord, Emons Verlag 2020,
ISBN der kartonierten Ausgabe 978-3-7408-0825-9,
ISBN der E-Book Ausgabe (epub) 978-3-96041-629-6

Der neue Staat oder eine unendliche Geschichte

Im Mai 2021 flogen wieder Raketen über Israel und Palästina. Seit Jahrzehnten leiden unzählige Araber und Juden, die oftmals friedlich miteinander leben oder arbeiten, unter den Angriffen der Extremisten beider Seiten.
Was dieser Dauerkonflikt sowie Flucht und Vertreibung für die Menschen bedeuten und wie Geschichte in Familien vererbt wird, zeigt Claire Hajaj in ihrem zutiefst emotional erzählten Roman Ismaels Orangen.

Palästina 1948. Das Leben ist mindestens kompliziert geworden. Es gab eine „Zeit als sie noch Freunde hatten sein dürfen.“  Der siebenjährige Salim, Sohn eines palästinensischen Orangenzüchters, Masen, dessen Vater einer der obersten Richter von Jaffa ist und Elia, arabischer Jude, dessen Mutter „mit den weißen Juden nach Palästina gekommen“ war.
Jetzt ist Krieg, es wird immer gefährlicher und die meisten Araber verlassen Jaffa. Auch Salims Familie flieht. Das Haus mit der Orangenplantage und den für ihn zu seiner Geburt gepflanzten Baum müssen sie zurücklassen.

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Auf Andreas Föhr ist Verlass

Ach ja, kaum sah ich, dass mit Unterm Schinder der neunte Band der Regio-Krimi-Reihe um Kommissar Wallner und den sehr kreativ arbeitenden Polizeiobermeister Leo Kreuthner aus dem bayerischen Miesbach erschienen ist, da war er auch schon gelesen.

In dem jüngsten Kriminalroman von Andreas Föhr werden Kreuthner und seine neue Kollegin Lisa auf einem abgelegenen Hof in eine eigentlich von ihm — um bei ihr Eindruck zu schinden — inszenierte, dann aber überraschend doch mit scharfer Munition geführte Schießerei verwickelt.
Danach entdecken sie im Haus auch noch eine Tote: Carmen Skriba. Vor zwei Jahren wurde bereits deren Mann erschossen und Wallner hat für diese Tat eine gewisse Jennifer Wächtersbach hinter Gitter gebracht.
Die Motive für die Morde liegen jedoch weit mehr als zwei Jahre zurück. Im Prolog und in Rückblicken erhalten die Leser einen kleinen Vorsprung bei den Ermittlungen, die bis in die Münchner Halb- und Unterwelt, zu Autohändlern und Kredithaien führen.

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„Der ehemalige Sohn“ — Realität zwischen Absurdität, Tristesse und Tragik

Ist es tatsächlich wieder so still geworden in Minsk, wie es die Abendnachrichten erscheinen lassen? Ist diese Stadt tatsächlich wieder ins Koma geschlagen und getreten worden wie Der ehemalige Sohn in Sasha Filipenkos gleichnamigen Roman?

Filipenko erzählt von Franzisk, einem Fußball liebenden Cellospieler auf dem Musik-Lyzeum in Minsk, der bei einer Massenpanik im Vorfeld eines Rockkonzerts in einer U-Bahn-Unterführung zwar knapp mit dem Leben davonkommt, danach jedoch viele Jahre im Koma liegt. Nachdem der ihn behandelnde Arzt diesen Zustand nicht Leben nennen will und ihn als bloßes „Gemüse“ bezeichnet, ja, ihn eigentlich für tot erklärt, wendet sich sogar die Mutter ab. Allein seine Großmutter versucht alles, damit ihr geliebter Enkelsohn aufwacht.

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„Hoffnung auf Zukunft“

Zwischen dem Erscheinen der ersten beiden Bände der autobiografisch gefärbten „Hilla-Palm-Saga“, Das verborgene Wort (2001) und Aufbruch (2009), lagen lange acht Jahre. Auf den dritten Teil, Spiel der Zeit, musste sich die Leserschaft dann noch bis 2014 gedulden. Es sind jeweils sehr umfangreiche Romane, in denen die Autorin Ulla Hahn den Lebensweg der Hilla Palm, einem „Kenk vun nem Prolete“ aus einem niederrheinischen Dorf — und ausgestattet mit einer großen Liebe zu den Wörtern — an die höhere Schule und zur Universität in Köln erzählt.

Werk mit Autorin

Begleitet die Leserin, wie hier auf vitaLibris schon beschrieben, in den ersten beiden Bänden die Ich-Erzählerin Hilla immer sehr unmittelbar, erlebt und fühlt direkt mit, beginnt dann auch das Spiel der Zeit mit dem Leitmotiv LOMMER JONN.

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Frau Helbing aus Hamburg

Beim Lesen der Ankündigung des Kampa Verlags zum Kriminalroman Frau Helbing und der tote Fagottist dachte ich gleich: Das könnte doch ein passendes Geburtstagsgeschenk — überreicht mit einem Augenzwinkern — für Gudrun sein.

Gudrun kenne ich schon seit über 30 Jahren. Wie Frau Helbing ist sie Fleischereifachverkäuferin in Rente und liest auch gerne Kriminalromane.
Damit hören die Gemeinsamkeiten allerdings schon auf. Da Gudrun nicht im eigenen Betrieb eingebunden war, hatte sie auch schon, als sie noch berufstätig war, Zeit Kulturveranstaltungen zu besuchen. Und, obwohl etwas jünger, besitzt sie noch nicht einmal so ein modernes Smartphone wie Frau Helbing. Dieses liegt bei Frau Helbing aber auch nur originalverpackt in der Schublade. Womöglich hätte sie es in ihrem ersten Fall gut gebrauchen können …

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Weites Land, wertvolle Bibliotheken

Ganz ehrlich? Ein Buch mit dem Titel Die Bücherfrauen lasse ich eher links liegen. Dann fragte ich mich aber, ob denn das Netzwerk Bücherfrauen mit dem Roman zu tun hat und schaute mir erst einmal die Kurzbeschreibung sowie den Originaltitel an. Beides klang dann doch interessanter als der deutsche Titel.

In der amerikanischen Originalausgabe erschien das Debüt von Romalyn Tilghman unter dem Titel „To The Stars Through Difficulties“. Dies ist das Motto des US-Bundesstaates Kansas und gilt gewissermaßen auch für die Charaktere des Romans, die in der dortigen Kleinstadt New Hope aufeinandertreffen.

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