Die Literaturszene ist vielfältig — vom Global Player bis zum Selbstverlag einzelner Autoren, von der Buchhandelskette bis zum Inhaber geführten Buchladen.
Vom bekannten Literaturkritiker über leidenschaftliche Lokalredakteure bis zum Hobby-Buchblogger und natürlich den unterschiedlichsten Lesern.

Dazu bereichern lokale Lesekreise oder Kulturvereine die Literaturszene.
Um diese zu unterstützen initiierte das Literarischen Colloquium Berlin das Projekt Seitab liegt die Stadt — für das Jahr 2020 mit dem Thema Herkunft —, an dem sich die Begegnungsstätte Kaufungen mit diversen Veranstaltungen beteiligt.

Eine konkrete, geografische wie sozio-kulturelle Herkunft haben wir alle, und in Deutschland hat inzwischen „jeder Vierte eine familiäre Einwanderungsgeschichte“[1].

Manche fühlen sich auf ihre Herkunft reduziert, andere schämen sich ihrer oder verleugnen sie sogar. Wieder andere ziehen Kraft aus den Lebenserfahrungen, die sie durch ihre Herkunft machen durften oder gehen zumindest selbstbewusst mit der eigenen Herkunft um.

Der Begriff der Heimat ist diffuser. Allgemein wird er mit dem Ort, der Religion, dem Land und den Leuten verbunden, wo sich der Mensch zu Hause fühlt.
Durch die Zeit des Nationalsozialismus ist der Heimatbegriff in Deutschland diskreditiert und erhält heute noch durch ewig Gestrige und das Auftreten einiger Vertreter*innen der Vertriebenenverbände bei manch einem eine negative Konnotation.
Dabei wird Heimat höchst unterschiedlich empfunden und ist nicht unbedingt an einen konkreten geografischen Ort gebunden.
Heimat kann Meer oder Wald, Familie oder Religionsgemeinschaft, Musik oder Literatur bedeuten.

Herkunft

Es gibt sehr viel Literatur zu diesem Thema, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.
Zuletzt in den Fokus geraten ist es vor allem durch das Buch Herkunft von Saša Stanišić, das 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

2009: Stanišić besucht mit seiner Großmutter das Dorf in den Bergen, in dem sein Großvater geboren wurde und die Urgroßeltern begraben liegen. Es leben nur noch dreizehn Menschen in Oskoruša, dreizehn Menschen, die „sich dort niemals fremd gefühlt“ haben. „Sie sind nicht von woanders hergekommen, haben die längste Zeit ihres Lebens an diesem Ort verbracht.“ [Herkunft, S. 18]
Anders als Saša Stanišić: In Višegrad an der Drina, im ehemaligen Jugoslawien, geboren, 1992 nach Heidelberg am Neckar geflüchtet, lebte er später als Student und Schriftsteller in verschiedenen Städten und aktuell in der Millionenmetropole Hamburg an der Elbe.

„Die Geschichte begann mit dem Schwinden von Erinnerung und mit einem bald verschwundenen Dorf. Sie begann in Gegenwart der Toten: Am Grab meiner Urgroßeltern trank ich Schnaps und aß Ananas. Die Luft roch nach Regenwürmern, nach der Milch des Löwenzahns, nach Kuhscheiße, je nachdem.“ [S. 29]

Gerüche spielen auf den Spuren der eigenen Herkunft und der Suche nach Heimat eine Rolle, wie auch Flüsse, Orte oder Menschen.

Stanišić bedient sich in Herkunft auch der „ironischen Vervielfältigung von Vorurteilen und Klischees“ und erklärt dies sicherheitshalber gleich mal selbst — weil es nicht so plakativ bleibt wie anhand seines Beispiels, der „harten“ „slawischen“ Sprache, was man ihm „als jemandem vom Balkan vielleicht abnehmen“ würde. „Klar, diese Jugos mit ihren Kriegen und Manieren.“ [S. 29 f.]
Ja, und: „Die Deutschen mögen Tabellen.“ [S. 7]

In Oskoruša, dem Bergdorf seiner Ahnen, von Gavrilo (auch ein Stanišić) gefragt, wo er herkomme, befindet Saša Stanišić: „Komplexe Frage! […] Herkunft bleibt doch ein Konstrukt!“ Und „so redete ich und redete, und Gavrilo ließ mich ausreden. Er brach das Brot und reichte mir die Kanten. Dann sagte er: »Von hier. Du kommst von hier.«“

Warum Gavrilo es so sieht und was für Stanišić Herkunft und Heimat bedeuten, erfahren die Leser auf weiteren gut 300 Seiten autobiografisch gefärbter Episoden und mündet in der Abenteuergeschichte „Der Drachenhort“.

Eines ist Stanišić bei der Frage nach seiner Herkunft zunächst wichtig, und zwar, dass: „Ich entscheide, ich.“ [S.34]
Weder Zuschreibungen noch Zugehörigkeitskitsch sollen sein Verständnis von Herkunft ausmachen.

Und so schreibt Saša Stanišić eine Geschichte von familiären Traditionen und Legenden, über Abstammung, Nationalismus und Kleinstaaterei.
Er erzählt von „Identitätsstress“ und richtet dabei den Blick als Kind und Erwachsener auf Anspruch und Wirklichkeit, Idealismus und knallharte Realität. Er schaut auf Jugoslawien und Deutschland oder auch auf die Umsiedlung sizilianischer Muslime in die italienische Stadt Lucera im 13. Jahrhundert.
Sehr persönlich erzählt er von der Beziehung zu seinen Eltern, seinen Freunden, von der Liebe zu seiner Großmutter und der Krux mit der Erinnerung.
Nur selten blitzt vielleicht etwas Wut oder Resignation durch, meist erzählt er mit leisem Humor, lässt eigene Vorurteile und Nachlässigkeiten erkennen.
Versöhnlich und dankbar schildert er die Menschen, die ihn unterstützten und sein Faible für Sprache und Ausdruck förderten, die ihm die Literatinnen Hilde Domin und Rose Ausländer nahebrachten, wodurch er von deren Umgang mit Flucht und Heimatverlust erfuhr.
Er berichtet von Menschen, die ihm überhaupt erst den Broterwerb des Schriftstellers ermöglichten. Ihn bewegt Eichendorffs Lyrik und dessen Biografie, hat dieser doch sein Leben als Beamter in Amtsstuben zugebracht.

Saša Stanišić Buch Herkunft ist gesellschaftliche Reflexion und fantasievolle Abenteuergeschichte, wobei sich Stanišić als außergewöhnlicher Geschichtenerzähler erweist.

Denn das Leben ist eine Abenteuergeschichte, egal wo du herkommst.

 

[1] Annette Widmann-Mauz, Staatsministerin für Integration (CDU), Süddeutsche Zeitung vom 27./28.06.2020, S. 7