Also — ich persönlich gehe nicht so gern zu Ärzten. Womöglich bleibt mir dieser Gang aber auch in Zukunft immer weniger erspart, denn wenn ich älter werde, steigt eben auch die Wahrscheinlichkeit, meine Krankheiten zu erleben. Um mal zu schauen was da eventuell auf mich zukommt, habe ich mir Dr. Lucy Pollock mit ihrem „Buch über das Älterwerden“ ins Haus geholt.

Im Untertitel heißt es, es sei „für Leute, die nicht darüber sprechen wollen“. Zu denen gehöre ich zwar nicht, allerdings trifft man im Laufe des Älterwerdens doch auf einige solcher Mitmenschen, darunter Angehörige und Freunde, aber auch manche Ärzte. Und so bleibt man mit seinen Fragen oft allein.
Damit aus diesen Fragen keine Sorgen werden, möchte die Geriaterin Dr. Lucy Pollock, gemeinsam mit den Leser*innen, über die Probleme des Alterns nachdenken.
Das macht sie wunderbar warmherzig, bisweilen auch selbstkritisch und lustig, bleibt dabei offen und ehrlich, ohne etwas zu beschönigen. Auch nicht in der eigenen Sprache: „Probleme“ bezeichnet sie nicht bloß als Herausforderungen, sondern sie werden von ihr direkt aus- und angesprochen.

Pollock erzählt aus ihrem Leben, was sie bewog, Geriaterin zu werden, erzählt von ihrer eigenen Familie oder auch von Freundinnen und deren älter werdenden Eltern.
Vor allem aber berichtet sie aus ihrem Berufsalltag mit ihren unterschiedlichen Patient*innen, wie zum Beispiel der 88-jährigen Kathleen oder dem Musiker Wilf (84).
Dr. Lucy Pollock befragt diese und deren Angehörige sowie die pflegenden Kolleg*innen, besucht und informiert sich beim medizinischen Fachpersonal, von der Physiotherapeutin Sue (spezialisiert auf Beckenbodentraining), über die Psychogeriater John und Martin bis hin zur Palliativmedizinerin Kathryn und wirft auch einen kritischen Blick auf aktuelle Studien.

So erfahre ich einige „Fakten über Stürze“, hilfreiche Dinge über Inkontinenz, etwa wie ich sie verringern kann, ich werde auf die Möglichkeit und die Gefahren einer Überbehandlung durch Multimedikation aufmerksam gemacht und lerne verschiedene Arten der Demenz und den schwierigen Umgang damit kennen.

Dr. Lucy Pollock überlegt und formuliert zunächst vorsichtig, beispielsweise wenn sie feststellt, dass die Akte des 86-jährigen Albert „von äußerst intensiver Betreuung zeugt“, zeigt dann aber deutliche Fehler im System von Standardverfahren und Vorschriften auf.
Nun, sie hat ihre Erfahrungen nicht in Deutschland gemacht. Nach dem Studium in Cambridge arbeitete sie als Assistenzärztin in East London, zog 2001 nach Somerset und hat sich als Geriaterin weiter spezialisiert.
Ob Webseiten oder Vereine mit Hilfsangeboten, Überprüfung der Fahrtauglichkeit, Schweigepflicht oder Patientenverfügung: Auf die Lage in Deutschland weist der Verlag in Anmerkungen am Seitenende hin.

Was dieses Buch jedoch für mich in erster Linie ausmacht, sind der respektvolle Ton und die Sicht auf den einzelnen Menschen.
Wir haben das Recht auf eine wirksame und würdevolle Behandlung.
Wir verdienen die beste Unterstützung, um überhaupt herauszufinden, was wir im Alter eigentlich wollen und brauchen.

Dazu „müssen wir reden“!
Mit Freunden und Angehörigen, Therapeutinnen und Pflegerinnen, Nachbarn oder Sozialarbeitern und natürlich den behandelnden Ärzten.
Ärzte und medizinisches Fachpersonal müssen sich zwingend über den eigenen Fachbereich hinaus weiterbilden und zusammenarbeiten, weil wir im Alter oftmals kardiologische,  orthopädische und psychische Erkrankungen haben.
Damit es nicht zu Überbehandlungen oder möglicherweise überflüssigen und unnötig anstrengenden, vielleicht auch weiten Wegen zu diversen Fachärzten oder Kliniken kommt, bedarf es einer besseren digitalen Abstimmung untereinander, eventuell mittels der elektronischen Patientenakte.

Aber vor allem müssen wir reden, zuhören und verstehen.
Dazu ist allerdings viel mehr Raum und Zeit in unserem Gesundheitssystem erforderlich.
Applaus reicht dafür nicht aus.
Im Privaten, mit den Eltern oder Kindern, Lebenspartnern oder Freunden, sollten wir uns diesen Raum und die Zeit nehmen, um Ängste abzubauen und Klarheit zu schaffen, wie wir im Alter noch gut und zufrieden leben können oder auch sterben wollen.

Mal mit einer Träne im Auge, mal mit einem Lächeln im Gesicht, habe ich dank Dr. Lucy Pollock großartige Menschen kennengelernt und auf dem Weg zum Älterwerden viel mitgenommen.

Und an Kathleen Graham „Unverzagt“ werde ich mich gerne erinnern, wenn ich mal wieder verzagt bin.

Dr. Lucy Pollock: Das Buch über das Älterwerden (für Leute, die nicht darüber sprechen wollen), aus dem Englischen von Ulrike Becker, DUMONT Buchverlag 2021,
ISBN der gebundenen Ausgabe
978-3-8321-8150-5

PS: Im Buch wird übrigens dezent gegendert. Das liest sich flüssig, tut weniger weh als jedes Alterszipperlein und erkennt an, dass es auch unter Ärzt*innen oder Patient*innen mehr als zwei Geschlechter (oder sexuelle Orientierungen) geben kann.