Helge Tismer ist pensionierter Volksschullehrer und trat seine erste Stelle in den frühen 1960er Jahren an.

Die Ausstellung „Als es noch kein Smartphone gab … Kommunikation, Information und Bildung im Dorf“ hatten wir bereits besucht. Dort gibt es natürlich auch technische Errungenschaften oder Gesellschaftsspiele zu sehen, aber vor allem Papiermaterialen beschreiben dieses Zeitalter und das Lesebuch ist zentrales Thema der Alltagssammlung des Regionalmuseums Kaufungen.
Nun las Helge Tismer, anlässlich der Kasseler Museumsnacht im historischen Klassenraum, unter dem Motto „Zeig mir die Welt“ aus alten Schulbüchern.

Dass die „Kritische Lesung“ aus alten Schulbüchern interessant werden könnte, erhoffte ich mir, da Hildegard Hamm-Brücher schon in ihrem Buch Und dennoch… auf völlig antiquierte Schulbuchtexte hinwies. Als betroffene Mutter nennt sie dort Beispiele aus den Schulbüchern ihrer Kinder aus den 1960er Jahren, die vom „Landleben als allein seligmachende Lebensform“  berichten oder von Aufgaben, die die Schüler den „Zug der Toten“ anhand der „verlorenen Soldaten im Ersten Weltkrieg“ berechnen lassen sollten.


Ein Beispiel aus einem Erdkundelehrwerk möchte ich ausführlicher zitieren, lässt es einen doch den Kopf schütteln, dass dies in einem Schulbuch mehr als 15 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden ist:
„Unter kluger Leitung sind die Schwarzen meist gutmütig, fleißig und treu. Die bäuerlichen Schwarzen … führen eine sehr primitive Lebensweise … Die Eingeborenen sind allein nicht fähig, die Naturschätze Afrikas auszuwerten, deshalb sind sie zu Recht zu 90 Prozent Kolonien.“[1]

Zur Lesung hat Helge Tismer auch Schulbücher mit dem Schwerpunkt Sachthemen mitgebracht, wie etwa ein Realienbuch aus dem Jahr 1926 oder Franz Kades Mein Lese- und Arbeitsbuch, in Ausgaben aus den 1950er Jahren.

Im Unterschied zur betroffenen Mutter und engagierten Politikerin, las Tismer mit wissender Distanz etwas milder formulierte Stellen aus den Lehrwerken, deren Botschaft allerdings ähnlich war. So konstatierte Helge Tismer lächelnd: „Offenbar bedauerte man, dass die ehemaligen Kolonien nicht mehr zu Deutschland gehörten.“

Bei vielen dieser Schulbücher handelt es sich um Nachdrucke, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg; sogenannte Notausgaben.

Die Texte aus dem Realienbuch, das Sachthemen für größere Schüler behandelte, waren selbst für die älteren Schüler oft zu trocken und kompliziert. Auf den alten Schulbänken im Museum, konnten wir Zuhörer natürlich entspannt beim Thema Kommunikation, der Beschreibung des Telefons in Absende- und Empfangsapparat, und wie diverse Drähte dort verbunden sind, lauschen.

In den Lesebüchern waren den Verfassern die Natur und der Verlauf der Jahreszeiten wichtig. Entsprechend waren diese gegliedert. Sachliches wurde gerne emotional in dichterischer Form dargestellt.
Helge Tismer las Gedichte von Klassikern der Lyrik, wie Uhland, von Fallersleben oder Christian Morgensterns Wenn es Winter wird.
Bis Ende der 1960er Jahre wiesen die Bücher die gleichen Stilmerkmale auf: Dichterisch und oft mit dem pädagogisch erhobenen Zeigefinger.
Im Vom Büblein auf dem Eis  wird der eingebrochene, aber gerettete Junge „vom Vater geklopfet“. Gut, dass wir heute unsere Kinder nicht mehr klopfen dürfen.
Beschönigende Formulierungen gab es viele, so „durften wir Kinder“ bei der „Großen Wäsche“ oder der „Kartoffelernte“ helfen.

Im Westermann Lesebuch von 1972 werden die Texte deutlich moderner, es gibt aber auch noch Sachtexte in Reimform, zum Beispiel über den Fernseher. Die Abbildungen der sehr modernen Haushaltsgeräte, beispielsweise der Spülmaschine, weckten sicherlich auch Begehrlichkeiten.

Passend zum Fontanejahr 2019, beschloss Helge Tismer die Lesung mit zwei von ihm wunderbar vorgetragenen Klassikern des Deutschunterrichts.
Theodor Fontanes Ballade Die Brück‘ am Tay hatte auch mir als Schülerin die Gefahren moderner Technik emotional nahegebracht und gehört bis heute zu meinen Lieblingsgedichten.
Bei Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland konnten sehr viele Zuhörer noch mitsprechen.

Gedichte, die in Erinnerung bleiben — auch ohne digitale Festplatte.

 

 

[1] Aus Hildegard Hamm-Brücher: Und dennoch …, Siedler 2011, S. 118