Leben mit Büchern

Schlagwort: Gesellschaft (Seite 1 von 2)

Lieber erzählen statt zählen

Eigentlich wollte ich mich lieber erbaulicherer Literatur zuwenden, weswegen das Buch Das metrische Wir von Steffen Mau schon einige Zeit im Regal lag.
Außerdem schien mir die These, dass die zunehmende, eng mit der Digitalisierung zusammenhängende und alle Lebensbereiche umfassende, Vermessung der und des Einzelnen normativ, manipulativ und selektiv sei, doch allzu offensichtlich. Und darüber hinaus auch schon in der Populärliteratur recht gut abgefrühstückt, denkt man an Romane wie Dave Eggers The Circle oder Marc Elsbergs ZERO.

Nun hat aber China aktuell sein sogenanntes Social Credit System optimiert eingeführt. In diesem werden „Aktivitäten im Internet, Konsum, Verkehrsdelikte, Arbeitsverträge, Bewertungen von Lehrern oder Vorgesetzten, Konflikte mit dem Vermieter oder das Verhalten der eigenen Kinder“ in einem einheitlichen Score zusammengeführt. Das Verhalten in all diesen Bereichen hat dann „Auswirkungen auf den individuellen Social Score“ einer Person.
Unternehmen und Behörden können und sollen jederzeit auf ihn zurückgreifen, womit dieser alles umfassende individuelle Social Score den Wert eines Menschen und seine Möglichkeiten im gesamten gesellschaftlichen Leben bestimmt [Mau S. 9].

Während in China der Staat mittels dieses Scores die „totale soziale Kontrolle“ innehat, liegen die großen ökonomischen Gewinne des umfassenden Datensammelns in der westlichen Welt bei wenigen Konzernen.
Der Einzelne hofft hingegen, beispielsweise durch die Belohnungssysteme der Krankenkassen, einen kleinen ökonomischen Ertrag zu erzielen, in den Sozialen Medien Werbepartner zu akquirieren oder in der wissenschaftlichen Community seine Reputation zu steigern.
Steffen Mau konstatiert eine „allgemeine Mitmachbereitschaft“ beim Bewertungskult um Sterne und Punkte oder Likes in den Sozialen Medien. Und auch ich mit vitaLibris mache „im Wettkampf um die besseren Zahlen“ mit, weshalb ich sein Buch nun doch gelesen habe.

„Alles kann, soll oder muss vermessen werden — ohne Zahlen geht gar nichts mehr. […] die Art und Weise, wie sich die Gesellschaft selbst beobachtet und beschreibt, bezieht sich zunehmend auf die messbare Seite der Welt und des Lebens.“ [S. 25]

Auch auf das Leben mit Büchern.

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Hilla entdeckt Worte

Bereits im August 2018 habe ich mir einen Roman gekauft, den ich zwar schon gelesen hatte, dessen Geschichte mich aber schon so lange begleitete, dass ich eine eigene Ausgabe im Bücherregal stehen haben wollte. Es ist eine dtv-Ausgabe, gebraucht aus meiner Gemeindebücherei. Auf dem untersten Rand des Covers steht ein Mädchen auf braunem Feldweg, den Blick versunken in ein Buch gerichtet.
Gelesen habe ich damals die Originalausgabe der Deutschen Verlags-Anstalt, deren Umschlaggestaltung Flusskiesel zeigt.  Nach der Lektüre wusste ich, dass es auch „Buchsteine“ sein können.
Mit diesem Taschenbuch habe ich eine Geschichte erstanden, die – aufgrund ihres Gegenstandes und seiner historischen Einordnung – eigentlich auch nicht in einen E-Book-Reader passt.
Durch die zusätzliche haptische Wahrnehmung zweier Buchdeckel, bin ich als Leserin mittendrin: In einem kleinen Dorf am Niederrhein zwischen Köln und Düsseldorf. Mittendrin im Leben einer Arbeiterfamilie in den 1950er Jahren.

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Wenn du das Paradies suchst, geh‘ lieber weiter

Unser Freundeskreis liest und liest und liest. Mit Freunden, Freundinnen oder der Familie verbringt man dann auch gerne anderweitig seine Zeit, weshalb die Muße für schriftliche Ausführungen, die hier einen Beitrag füllen könnten, oft fehlt.
So habe ich für diese Buchvorstellung bei meiner Freundin lange nachhaken müssen, wollte ich doch selbst mehr erfahren als: “bietet interessante Einblicke“.

Silke ist unsere Weltreisende im Freundeskreis. Sie hat schon in der Wüste von Namibia unter freiem Himmel genächtigt oder in Mittelamerika abenteuerliche Bustouren unternommen.
Um sich einzustimmen liest sie natürlich Reiseberichte oder Reiseführer. Vom Berufsalltag der Technischen Zeichnerin abschalten kann sie auch mit einem spannenden Psychothriller oder Unterhaltungsroman, dessen Schauplatz am besten in einem ehemaligen Urlaubsdomizil liegt.
Vom letzten Geburtstag hatte Silke noch einen Gutschein vom örtlichen Buchladen. Drei Bücher nahm sie mit nach Hause; eines davon war Sven Borstelmanns Episodenroman um eine nordhessische Kommune Wenn du das Paradies suchst, geh lieber weiter.
Vielleicht muss man für gute Geschichten ja nicht um die halbe Welt reisen.

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Zeig mir die Welt — Texte aus alten Schulbüchern

Helge Tismer ist pensionierter Volksschullehrer und trat seine erste Stelle in den frühen 1960er Jahren an.

Die Ausstellung „Als es noch kein Smartphone gab … Kommunikation, Information und Bildung im Dorf“ hatten wir bereits besucht. Dort gibt es natürlich auch technische Errungenschaften oder Gesellschaftsspiele zu sehen, aber vor allem Papiermaterialen beschreiben dieses Zeitalter und das Lesebuch ist zentrales Thema der Alltagssammlung des Regionalmuseums Kaufungen.
Nun las Helge Tismer, anlässlich der Kasseler Museumsnacht im historischen Klassenraum, unter dem Motto „Zeig mir die Welt“ aus alten Schulbüchern.

Dass die „Kritische Lesung“ aus alten Schulbüchern interessant werden könnte, erhoffte ich mir, da Hildegard Hamm-Brücher schon in ihrem Buch Und dennoch… auf völlig antiquierte Schulbuchtexte hinwies. Als betroffene Mutter nennt sie dort Beispiele aus den Schulbüchern ihrer Kinder aus den 1960er Jahren, die vom „Landleben als allein seligmachende Lebensform“  berichten oder von Aufgaben, die die Schüler den „Zug der Toten“ anhand der „verlorenen Soldaten im Ersten Weltkrieg“ berechnen lassen sollten.

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Fräulein Nette in Melsungen

Nein, in Melsungen war die Dichterin und Komponistin Annette von Droste-Hülshoff nicht. Zumindest nicht in dem Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer. Stattdessen folgte die Autorin Karen Duve gerne der Einladung der Culturinitiative Melsungen in die malerische Fachwerkstadt.

Im 40. Literatur-Gespräch der Culturinitiative wurde das Buch besprochen und offenbar für so interessant befunden, dass die Organisatoren um Oliver Engl und Michael Geise die Lesung in der Brückenbuchhandlung ausrichteten.
Die Veranstaltung war ausverkauft und im Publikum saßen nach Karen Duves eigenen Erfahrungen überraschend viele Männer.

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Gelebtes Grundgesetz – Hildegard Hamm-Brücher

 

Grundgesetz
für die Bundesrepublik Deutschland

vom 23. Mai 1949.

 

  Der Parlamentarische Rat hat am 23. Mai 1949 in Bonn am Rhein in öffentlicher Sitzung festgestellt, daß das am 8. Mai des Jahres 1949 vom Parlamentarischen Rat beschlossene Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland in der Woche vom 16.-22. Mai 1949 durch die Volksvertretungen von mehr als Zweidritteln der beteiligten deutschen Länder angenommen worden ist.
Auf Grund dieser Feststellung hat der Parlamentarische Rat, vertreten durch seinen Präsidenten, das Grundgesetz ausgefertigt und verkündet.
Das Grundgesetz wird hiermit gemäß Artikel 145 Absatz 3 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht.

 

In diesem Auszug aus dem Dokumentenarchiv der Bundesrepublik Deutschland werden schon die wichtigsten Daten genannt: In diesen Tagen feiert unser Grundgesetz 70. Geburtstag.
Eine bedeutende Frau, die für die Durchsetzung des Absatz 2 in Artikel 3 – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – unserer Grundrechte steht, war Elisabeth Selbert. Dieses entscheidende Engagement für die Entwicklung unserer Demokratie wurde sogar verfilmt.

Eine andere bedeutende Frau, mit der ich persönlich vor allem Artikel 38 unserer Verfassung verbinde, ist Hildegard Hamm-Brücher. Als FDP-Mitglied im Bundestag hielt sie am 01. Oktober 1982 ihren Redebeitrag „Ein klares Nein“ während der Debatte über das Konstruktive Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

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War die Buchhändlerempfehlung – Eva Ibbotsons Die Morgengabe – eine gute?

Anna ist 14 Jahre alt und mag Sport, vor allem das Reiten und die Pflege der Pferde.

Ihr wurde schon zu Beginn ihres Lebens viel vorgelesen und dabei ihre Vorliebe für Bücher geweckt. Sie lernte früh zu lesen, da das selbst Lesen eine notwendige Folge war, um mehr Bücher entdecken zu können.
Mein glückliches Leben von Rose Lagercrantz und Eva Eriksson ist das Kinderbuch, welches jeden ihrer Umzüge mitmachen wird. Da sie zuletzt Charlotte Brontës Jane Eyre ständig aus dem Bücherregal ihrer Mutter nahm, um darin zu lesen, gab es zu Weihnachten eine eigene, natürlich die gleiche Klassiker-Ausgabe sowie das Taschenbuch in neuer Übersetzung.
Auf Empfehlung der Inhaberin unserer örtlichen Buchhandlung, erhielt Anna noch Die Morgengabe als zusätzliches Weihnachtsgeschenk.

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Wissen ist Macht – Nichts zu wissen macht aber nicht nichts

Smudo kocht seinen Spargel in der Spülmaschine (diverse Medien am 17.04.2018), Mathias Opdenhövel ist mit der früheren Background-Tänzerin von Dschingis Khan verheiratet und Slalomläufer Dominik Stehle züchtet Brieftauben (Link zum DSV, zuletzt abgerufen am 10.02.19).
Dies sind für viele Leser*innen sicherlich unwichtige Nachrichten. Obendrein sind sie vor allem falsch.
Die Aufklärung darüber in Inas Nacht vom 22.07.18, (ca. ab 14. Min. Smudo) und vom 21.10.18 (ca. ab 5. Min. Opdenhövel), ist allerdings erfrischend und aufschlussreich. Wurden diese Fake-News doch von Quellen verbreitet, denen Journalisten und Leser hinsichtlich der Richtigkeit der Nachrichten vertrauen: dpa und Munzinger.
Das ZDF reagierte via Facebook und Twitter am 13.01.19 auf den Brieftauben-Scherz des Sportlers auf der Internetseite des DSV. Diese wurde jedoch bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags am 10.02.2019 nicht aktualisiert.

Dass mit Fake-News nicht zu Scherzen ist und inwiefern „die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet“, zeigt uns der Medienwissenschaftler und Journalist Stephan Russ-Mohl in seinem Buch über unsere informierte Gesellschaft.

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Familie im Blick

Unbestreitbar ist Leander Scholz in unserer Gesellschaft und im Literaturbetrieb eine Ausnahme. Als Autor schrieb der inzwischen habilitierte Philosoph seine Romane und auch Zusammenleben – Über Kinder und Politik aus einer sehr persönlichen Motivation. Als Vater gehörte er zu den wenigen Männern die Elternzeit über anderthalb Jahre nahmen, während die Frau Vollzeit erwerbstätig war.
Angeregt durch die Zuschriften zu seinem Artikel in der Welt über diese eher ungewöhnliche Vaterrolle und die für ihn daraus resultierende innige Beziehung zu seinem Sohn, entstand dann das vorliegende Buch.

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Hannah Arendt lieber lesen und leben

Weil ich es mir nicht erlauben kann und will, den Samstagmorgen im Bett zu verbringen, habe ich das Interview von Tobias Haberl mit der Piper Verlegerin Felicitas von Lovenberg in der Wochenendausgabe (05./06.01.2019, S. 52) der Süddeutschen Zeitung (hier im Folgenden kurz SZ, auch bezahlt, aber Papierausgabe) erst am Sonntagnachmittag gelesen.
Und auch mir stellten sich natürlich beim Lesen einige Fragen, wie wohl auch Tilman Winterling von 54 Books, die er dann sogleich am Sonntag auf 54 Books veröffentlicht hat. Nicht ohne darauf aufmerksam zu machen, dass er „immer ein bisschen Angst“ hat, seine Aufregung darüber „öffentlich zu machen“.
Nun scheint mir aber genau dieses Interview exemplarisch für die momentane Situation im Literaturbetrieb und in weiten Teilen des Journalismus: Aufmerksamkeitsökonomie (Georg Franck, Hanser) um Klicks, Auflage und Reichweite, gepaart mit der Neigung zur Selbstgefälligkeit etablierter Medien und einer damit einhergehenden Entfernung vom lesenden Publikum, stehen im Mittelpunkt.

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