Leben mit Büchern

Hilla entdeckt Worte

Bereits im August 2018 habe ich mir einen Roman gekauft, den ich zwar schon gelesen hatte, dessen Geschichte mich aber schon so lange begleitete, dass ich eine eigene Ausgabe im Bücherregal stehen haben wollte. Es ist eine dtv-Ausgabe, gebraucht aus meiner Gemeindebücherei. Auf dem untersten Rand des Covers steht ein Mädchen auf braunem Feldweg, den Blick versunken in ein Buch gerichtet.
Gelesen habe ich damals die Originalausgabe der Deutschen Verlags-Anstalt, deren Umschlaggestaltung Flusskiesel zeigt.  Nach der Lektüre wusste ich, dass es auch „Buchsteine“ sein können.
Mit diesem Taschenbuch habe ich eine Geschichte erstanden, die – aufgrund ihres Gegenstandes und seiner historischen Einordnung – eigentlich auch nicht in einen E-Book-Reader passt.
Durch die zusätzliche haptische Wahrnehmung zweier Buchdeckel, bin ich als Leserin mittendrin: In einem kleinen Dorf am Niederrhein zwischen Köln und Düsseldorf. Mittendrin im Leben einer Arbeiterfamilie in den 1950er Jahren.

Die Protagonistin Hildegard Palm berichtet von ihrer Kindheit in dieser Arbeiterfamilie, die durch Kriegstraumata und Katholizismus von wiederkehrender Gewalt und Enge gekennzeichnet ist.
Herzliche Liebe erfährt Hildegard von ihrem Großvater, der ihr auch die Liebe zu den Wörtern und dadurch zur Literatur vermittelt.
Am Rhein findet sie ihre persönliche Freiheit. Dort sammelt sie mit dem Großvater „Buchsteine“, die auch ganze Geschichten erzählen können.

Als dieser Roman erschien, führte der für seine Literaturkritiken berüchtigte und immer wieder polarisierende Marcel Reich-Ranicki durch die Sendung Das Literarische Quartett (vom 19.10.2001, Achtung: länger als 30 Minuten!). Seine öffentliche Ablehnung dieses Romans, der inzwischen zum Bestseller sowie zur Universitätsliteratur avancierte, werde ich nicht vergessen.
Das war im Jahr 2001. Weitere Bände erschienen und ich wollte mir immer wieder selbst ein Bild von dem Roman Das verborgene Wort machen, hatte mir allerdings nie die Zeit dafür genommen.
Aber im Leben ist es bekanntlich niemals zu spät und selten zu früh. Im Herbst 2017 erschien mit Wir werden erwartet der vierte Band um Hilla Palm, und nun wurde es wirklich Zeit, das bei Reich-Ranicki durchgefallene Werk zu lesen. Ich ging in meine örtliche Bücherei und lieh mir Das verborgene Wort von Ulla Hahn aus.

»LOMMER JONN, sagte der Großvater, laßt uns gehen, griff in die Luft und rieb sie zwischen den Fingern. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten? Lommer jonn. Ich nahm mir das Weidenkörbchen untern Arm und rief den Bruder aus dem Sandkasten. Es ging an den Rhein, ans Wasser.«

Schon der erste Satz des Romans beginnt in niederrheinischem Dialekt. Da zuhause nur Niederrheinisch gesprochen wird, muss Hildegard mit der Einschulung Hochdeutsch sprechen lernen.
Ulla Hahn verknüpft diese ungemeine Anstrengung auch mit leisem Humor: Immer wieder fällt Hildegard die Jans (Gans) von der Jabel (Gabel). Und auch wir Leser müssen uns auf viel geschriebenes Niederrheinisch einlassen, bekommen aber ein Wörterverzeichnis an die Hand, das hilft, den umgekehrten Weg zu gehen und nachzufühlen, wie schwer das eigentlich ist. Für Leser*innen mit Interesse an Sprachentwicklung macht das sogar Freude.

Mit dem Hochdeutschen erschließen sich Hildegard neue Welten. In der Schule durch neue Freundinnen und durch das Lesen auch die Welt der Literatur. Sie will sich vom ärmlichen Elternhaus abgrenzen und macht dies unter anderem, indem sie darauf drängt, Hilla genannt zu werden.
Die Eltern verstehen das nicht — ihre Ängste, nicht mehr gut genug für ihr Kind zu sein, äußern sich zum Beispiel dadurch, dass sie Hillas Streben nach Bildung ablehnen.

Marcel Reich-Ranicki kritisierte im Literarischen Quartett die bloße Beschreibung und fehlende Reflexion des Kindes. Gerade das ist aber Ausdruck der Sprach- und Hilflosigkeit Hillas und ihrer Eltern. Hilla sucht Ausdrucksformen und Lebenserklärungen in den Klassikern der Literatur, zu denen sie Zugang hat.

Im genannten Literarischen Quartett sagte Reich-Ranicki auch: „Hilla Palm ist eine Identifikationsfigur“. Ja, vielleicht lesen vorwiegend Frauen Das verborgenen Wort als eine Emanzipationsgeschichte. Die Ich-Erzählerin Hilla Palm emanzipiert sich von dem Milieu ihrer Herkunft. Genau so können aber auch Männer, die sich vielleicht ebenso vom Milieu ihrer Kindheit emanzipieren wollten oder emanzipiert haben, diesen Roman lesen.
Und wer sich nicht damit identifizieren kann oder möchte, kann durch Hilla den Blick des Arbeiterkindes einnehmen.
Dieser Roman beschreibt auf vielen ernsten, aber auch komischen Seiten und mit schönen Wortspielereien eine Entwicklungsgeschichte in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit.

Für Das verborgene Wort erhielt Ulla Hahn 2002 den erstmals vergebenen Deutschen Bücherpreis.

2009 erschien der Roman Aufbruch, in dem Ulla Hahn die Geschichte der Hilla Palm und ihren Weg an die Universität fortschreibt.

Lommer jonn — lasst uns gehen — und uns den zweiten Teil der Romanreihe besorgen.

Ulla Hahn: Das verborgene Wort, die Originalausgabe erschien 2001 in der Deutschen Verlags-Anstalt

Ulla Hahn: Aufbruch, DVA 2009

 

PS: Anfang des Jahrtausends hatten wir noch Marcel Reich-Ranicki, der mit seinen positiven wie negativen Kritiken eine fast einzigartige Aufmerksamkeit für Autorinnen und Autoren und ihre Werke erreichte. Nicht nur um der Aufmerksamkeit willen, sondern es „deckten sich hier ganz und gar: das Hobby und der Job, die Passion und die Profession“. Er hat „Heimat […] in der […] Literatur […] gefunden“ (Mein Leben, dtv 2000, S. 492).
Zwei Jahrzehnte später konkurriert Literatur, und insbesondere die von Autorinnen, auf unzähligen Kanälen und Plattformen um Aufmerksamkeit, beispielsweise mit Hashtags wie dem #Autorinnenschuber[1].
An Das verborgenen Wort erinnere ich mich immer wieder gerne, an die vielen Bücher der Autorinnen, die in Autorinnenschuber gesteckt wurden, erinnere ich mich leider kaum — obwohl sicherlich großartige Schriftstellerinnen dabei waren.

 

PPS: Aufbruch ist inzwischen auch gelesen.
Bisweilen virtuos erzählt Ulla Hahn von einer bundesrepublikanischen Wirklichkeit in den 1960er Jahren. Sie beschreibt lustige Szenen im neuen Supermarkt des Dorfes, lässt mich in quälenden Schilderungen an Hillas erster Vorlesung teilnehmen und hilft Hilla, ihre Eltern besser zu verstehen.
Mit diesem Buch ist Ulla Hahn als Romanautorin gewachsen, wie ihre Figur Hilla Palm im Leben gereift ist.

 

 

[1] Nicole Seifert hat als Antwort auf einen Schuber mit zehn Romanen — „Großartige Geschichten großer Autoren“ (so der herausgebende Verlag) — in den Sozialen Medien den #Autorinnenschuber gestartet, wo Leser*innen ihren eigenen Autorinnenschuber bestücken konnten.

 

6 Kommentare

  1. Jana

    Liebe Andrea,

    vielen Dank für diesen Tipp; beide Bücher hören sich sehr vielversprechend an. Von Ulla Hahn habe ich bislang noch nichts gelesen, obwohl mir der Name das eine oder andere Mal über den Weg gelaufen ist. Ich komme selbst aus der Gegend, in der der Roman spielt und finde Geschichten aus weiblicher Perspektive auf die 50er/60er Jahre spannend. Ich habe einmal gelesen, die größten Bildungsverlierer der Bundesrepublik seien katholische Mädchen, die in den 60er Jahren im ländlichen Raum aufgewachsen seien. Unter diesem Aspekt interessiert mich das Buch noch einmal mehr.

    Herzliche Grüße
    Jana

    • Andrea Schellhase

      Liebe Jana,

      ja, „das katholische Mädchen vom Land“ steht sinnbildlich für die Stiefkinder des sogenannten Wirtschaftswunders, bei dem vor allem den Kriegsgewinnlern mit politisch belasteter Vergangenheit die Wiederherstellung ihres Vermögens gelang.
      1964 erschien „Die deutsche Bildungskatasrophe“ des Heidelberger Religionsphilosphen und Bildungsexperten Georg Picht, in dem er den Rückstand des westdeutschen Schulwesens im internationalen Vergleich konstatierte und auf die ökonomischen Folgen eines Nachwuchskräftemangels hinwies. Vor allem deshalb wollte die westdeutsche Politik „das katholische Mädchen vom Land“ ans Gymnasium holen.
      Hilla Palm wächst in genau dieser Atmosphäre auf, die Ulla Hahn sehr eindringlich beschreibt.

      Herzliche Grüße
      Andrea

  2. Where is Chrysler

    Ich betrete Ihre website regelmäßig fast jeden Tag. Sie haben einige tolle Artikel. Ich Liebe Ihre Vorschläge. Danke.

    • Andrea Schellhase

      Vielen Dank, das freut mich sehr. Ich wünsche weiterhin viel Spaß beim Stöbern auf vitaLibris.

  3. Anne-Marit Strandborg

    Moin, liebe Andrea,
    diesen #Autorinnenschuber habe ich entstehen sehen bei Twitter – war das eine Aktion.
    Zum verborgenen Wort und Aufbruch habe ich auch noch Spiel der Zeit im Regal. Zwei der Bücher sind tolle Ausgaben von der Büchergilde. Leider stehen sie immer noch ungelesen dort. Gerade habe ich gesehen, dass noch „Wir werden erwartet“ dazugehört.
    Liebe Grüße, Anne-Marit

    • Andrea Schellhase

      Ja, liebe Anne-Marit, für Ulla Hahns Bücher um Hilla Palm sollte man sich auch Zeit nehmen. Zumindest für „Das verborgene Wort“ und „Aufbruch“ lohnt es sich. Direkt nacheinander habe ich sie allerdings nicht gelesen. Den Bänden drei und vier – „Spiel der Zeit“ und „Wir werden erwartet“ – werde ich mich aber bestimmt auch annehmen.
      Liebe Grüße
      Andrea

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 vitaLibris

Theme von Anders NorénHoch ↑

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Webseite sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Webseite ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden. Weitere Hinweise zur Verwendung von Cookies auf dieser Webseite finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Schließen