Nein, in Melsungen war die Dichterin und Komponistin Annette von Droste-Hülshoff nicht. Zumindest nicht in dem Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer. Stattdessen folgte die Autorin Karen Duve gerne der Einladung der Culturinitiative Melsungen in die malerische Fachwerkstadt.

Im 40. Literatur-Gespräch der Culturinitiative wurde das Buch besprochen und offenbar für so interessant befunden, dass die Organisatoren um Oliver Engl und Michael Geise die Lesung in der Brückenbuchhandlung ausrichteten.
Die Veranstaltung war ausverkauft und im Publikum saßen nach Karen Duves eigenen Erfahrungen überraschend viele Männer.

Zu Beginn berichtete Duve von ihrer Motivation sich dem Thema des vorliegenden Romans so intensiv zuzuwenden, dass letztendlich ein über 500 Seiten starkes Buch entstanden ist.

In dem Taschenbuch Frauen im Korsett, das die Frauenfreundschaft der Louise Grisebach mit Amalie Hassenpflug in der engstirnigen, männerdominierten Dichter-Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts beschreibt, stieß Duve auf die unglückselige Beziehung der Annette von Droste-Hülshoff mit dem mittellosen, bürgerlichen Dichter Heinrich Straube.
Neugierig geworden, konnte Karen Duve nicht aufhören, sich durch zahlreiche Briefe, Zeitschriften und Bücher zu lesen und weiter zu recherchieren, um herauszufinden, welche Intrige im Sommer 1820 zu Nettes und Straubes Unglück führte.

Profiler arbeiten, schenkt man gängigen Kriminalromanen Glauben, indem sie die vorhandenen Informationen über Tathergänge auswerten und darüber die daran beteiligten Personen identifizieren.
Karen Duve näherte sich beim Schreiben des Romans genau umgekehrt. Die Beteiligten waren bekannt und viele historische Informationen ebenfalls. Nun galt es, die vorliegenden historischen Fakten mit dem Unbekannten zu einer spannenden Geschichte zu verweben.
Ja, so oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben.

Heinrich Straube ist Student in Göttingen und Protegé August von Haxthausens, einem nur wenig älteren Onkel der Anette von Droste-Hülshoff, die in ihrer provinzadeligen Familie nur das Nettchen genannt wird. Während Straube von August für den neuen Goethe gehalten wird, gilt Nette mit ihrer Dichterei, ihrem lauten Gesang und ihrer eigenen Meinung, die sie auch noch in Männergesprächen kundtut, als Nervensäge.
Dass Straube nur bürgerlicher Herkunft und Protestant ist, schmälert Augusts Wertschätzung zunächst nicht, solange nur der „Adel der Gesinnung“ stimmt.
Regelmäßig kommen die Dichterfreunde aus Göttingen mit den Grimms aus Kassel auf dem Familiensitz der von Haxthausens, dem Bökerhof in Ostwestfalen, zusammen. Dort trifft Straube auf Annette.
Zum Erstaunen aller findet Straube Annette gar nicht so nervig, hält ihre Dichtung für sehr gut und verliebt sich auch noch in sie.
Für eine Verbindung, gar eine mögliche Heirat, reicht der „Adel der Gesinnung“ dann doch nicht aus, das ist allen klar.
Der „schöne Arnswaldt“, adeliger und sehr attraktiver Dichterfreund Straubes und den von Haxthausens, hat auch ein Auge auf Nette geworfen. Nachdem Annette sich nach Arnswadts ersten Annäherungsversuchen zu Straube bekennt, kommt es zum „Komplott“.

In Fräulein Nettes kurzer Sommer schildert Karen Duve mehr als die tragische Liebesgeschichte einer unterdrückten jungen Frau.
In lockerem Erzählton und immer wieder aufblitzendem lakonischen Humor gelingt es ihr, uns in die deutsche Literatur- und Zeitgeschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts – auch mittels abenteuerlicher Kutschfahrten – reisen zu lassen.
Sie zeigt Geschlechterrollen im Literaturbetrieb auf  – ein „Journal“ für „Mode“ „durfte auch eine Frau mit ihrer geringen Lungenkapazität ohne Weiteres lesen“ – , beschreibt anschaulich die Angst vor Veränderungen – „Eines Tages wird es in Kassel ganz genauso aussehen wie in Hannover oder Berlin oder Paris“ – und den massiv aufkommenden Nationalismus und Antisemitismus.
Dabei hält sie uns ganz nebenbei den Spiegel vor.

Dass Karen Duve mit ihrer Geschichte um Annette von Droste-Hülshoff ein sehr atmosphärischer Roman mit zum Teil sehr lustigen wie auch dramatischen Szenen gelungen ist, wurde währen ihrer Lesung allerdings nur ansatzweise deutlich.

Oliver Engl bedankt sich bei Karen Duve für die Lesung

Dafür lernten wir eine sympathische Autorin kennen, die sich im Anschluss Zeit für persönliche Gespräche nahm und natürlich ihre Bücher signierte.

Während der Arbeit an Fräulein Nettes kurzer Sommer hat Karen Duve viel Spaß am Historischen gefunden. Vielleicht wird ihr nächstes Buch wieder ein historischer Roman. Zumindest vorstellen kann sie es sich.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer, Galiani Berlin 2018,
ISBN der gebundenen Ausgabe 978-3-86971-138-6

PS: Beim Lesen von Fräulein Nettes kurzer Sommer bestätigte sich für mich erneut: Göttingen war und ist die Literaturstadt Deutschlands 😉.