vitaLibris

Leben mit Büchern

Kategorie: Kurz!Besprochen (Seite 1 von 2)

Mit Maigret an die französische Atlantikküste

Meine letzte Begegnung mit Georges Simenons Kommissar Maigret ist lange her. Sehr lange. Zugegeben, ich habe mich damals auch ein wenig gelangweilt. Nun war aber der Alltag so hektisch, dass ich mich nach der Ruhe, die Maigret damals auf mich ausstrahlte, fast sehnte. Und auf dem Cover von Maigret macht Ferien liegen die Segelboote am Strand so wunderbar in der Sonne. Da wollte ich auch hin.

Weiterlesen

Kein Buch für einen Tag

Das fröhlich gestaltete Cover spricht das Kind in mir an. Das Menschenkind, das wir alle sind.
Vor himmelblauem und maigrünem Hintergrund fassen sich unterschiedlichste, aber in schwarz-weiß gezeichnete Menschen an den Händen.

In Augenblicke erzählt Autor Stefan Schär 101 überraschende Geschichten aus dem Leben.

Diese Geschichten sind aber nicht nur überraschend, sondern sie bieten auch romantische oder nachdenkliche Augenblicke.
Einmal dachte ich, ja, das ist jetzt richtig gut. Hier ist der Gedanke auf den Punkt gebracht.
Manch andere Geschichte wirkt zunächst recht einfach, aber das ist das Leben ja auch so manches Mal. Einfach schön.

Am Stück liest man Augenblicke eher nicht. Dies ist kein Buch für einen Tag. Vielleicht nimmt man es zur Hand, wenn ein Augenblick Zeit ist innezuhalten und daran zu denken, dass wir alle Menschenkinder sind.

Ein freundliches Marketing per Mailkontakt und das ansprechende Cover haben mich dazu bewogen, mir dieses kleine Buch zu kaufen. Obwohl ein Book on Demand, habe ich es sehr schnell bei meiner Buchhändlerin erstanden.

Eine kleine und gute Investition.

Stefan Schär: Augenblicke, 101 überraschende Geschichten aus dem Leben, Books on Demand 2019,
ISBN der kartonierten Ausgabe 978-3-7481-7871-2

Tricks und Täuschungen in der Kunstszene

Mit dem Kriminalroman Der Turm der blauen Pferde begibt sich Glauser-Preisträger Bernhard Jaumann in die Kunstszene. Das berühmte gleichnamige Gemälde Franz Marcs gilt seit 1945 als verschollen. Letzter bekannter Besitzer war Hermann Göring. Ist es mit einem seiner Sonderzüge nach Berchtesgaden gelangt?

Nun behauptet Kunstsammler Egon Schwarzer, das Original angekauft zu haben und beauftragt die kleine Münchner Kunstdetektei von Schleewitz herauszufinden, wo sich das Bild während der letzten 70 Jahre befand.
Es folgt eine Spurensuche mit Tricks und Täuschungen allenthalben. In eingeschobenen, kürzeren Kapiteln begleitet der Leser das Bild und seine Wirkung auf die jeweiligen Besitzer, von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Menschen kommen gewaltsam zu Tode und familiäre Spannungen umtreiben Archivar Max aus der Detektei. Dies erzählt Jaumann mit dem nötigen Ernst. Auf die Kunstwelt schaut er auch mit humorvoller Ironie.

Bernhard Jaumann hat es geschafft, mit Der Turm der blauen Pferde

„[…] Geschichten [zu] erfinden, die elegant über das hinwegsegelten, was man so Wahrheit nannte.“

Mir hat es Spaß gemacht, diesen Kriminalroman zu lesen.

Bernhard Jaumann: Der Turm der blauen Pferde, Galiani Berlin 2019, ISBN der großformatigen Paperback-Ausgabe
978-3-86971-141-6,
der ePub-Ausgabe
978-3-462-31970-5

 

Am Leben wachsen

Die ausdruckstarke Umschlaggestaltung weist schon auf den Inhalt hin. Auf einer regennassen Straße, in diesiger aber grün schimmernder Landschaft, geht dem Betrachter eine junge Frau entgegen.
In Ein reiner Schrei erzählt Siobhan Dowd davon, wie in dem kleinen südirischen Dorf Coolbar im Jahr 1984 die knapp 16-jährige Shell den Glauben an das Leben zurückgewinnt.

Nach dem Tod ihrer Mutter verlor ihr Vater jeden Halt.  Getrunken hatte er schon vorher, nun hat er seine Arbeit in der Landwirtschaft aufgegeben und sammelt für die Kirche Spendengelder. Neu in der Kirche ist auch der junge Kurat Pater Rose, der Shell zunächst Kraft gibt, sich um die beiden jüngeren Geschwister und sich selbst zu kümmern. Als Shell schwanger wird, brodelt die Gerüchteküche und sie bleibt in ihrer Not zunächst allein.
Und das im katholischen Irland, wo religiöser Dogmatismus bis ins Rechtssystem hinein reicht.

Mit einer klaren Sprache und starken, aber nicht überladenen Bildern, beschreibt Dowd, wie wichtig familiäre Bindung und freundschaftliche Unterstützung sind.

Ein absolut lesenswertes Buch, nicht nur für Jugendliche.

Siobhan Dowd: Ein reiner Schrei, aus dem Englischen von Salah Naoura, Carlsen 2006,
ISBN der gebundenen Ausgabe 978-3-551-58158-7,
ISBN der Taschenbuchausgabe 978-3-551-35861-5

Familie im Blick

Unbestreitbar ist Leander Scholz in unserer Gesellschaft und im Literaturbetrieb eine Ausnahme. Als Autor schrieb der inzwischen habilitierte Philosoph seine Romane und auch Zusammenleben – Über Kinder und Politik aus einer sehr persönlichen Motivation. Als Vater gehörte er zu den wenigen Männern die Elternzeit über anderthalb Jahre nahmen, während die Frau Vollzeit erwerbstätig war.
Angeregt durch die Zuschriften zu seinem Artikel in der Welt über diese eher ungewöhnliche Vaterrolle und die für ihn daraus resultierende innige Beziehung zu seinem Sohn, entstand dann das vorliegende Buch.

Weiterlesen

Auszeit mit Lichter im Advent

Dem Label Regionalverlag ist der Rhein-Mosel-Verlag schon ein wenig entwachsen. Das Programm befasst sich zwar überwiegend mit Geschichte und Geschichten die in dieser Region angesiedelt, aber auch bundesweit interessant zu lesen sind. Deshalb kann man die dort erscheinenden Bücher in jeder deutschen Buchhandlung erhalten.

In Lichter im Advent erzählen die Autorinnen humorvoll-schräge und erhellende, nachdenkliche und besinnliche Geschichten zu jedem Dezembertag vom hohen Norden über Südtirol bis nach Namibia.
Der etwas andere Adventskalender wird mit Vorlesegeschichten für die ganze Familie zu jedem Adventssonntag sowie wunderbaren kleinen Illustrationen von Annette Bahr ergänzt.

Lichter im Advent – der kalorienfreie Adventskalender kommt auch ohne süßliche Texte aus. Man mag keine Geschichte hervorheben, es gibt aber viele besondere.
(Vielleicht habe ich einen oder zwei persönliche Favoriten, aber finde jeder seine eigene Lieblingsgeschichte.)

Zeit für dieses Buch – bei einer Tasse Kaffee oder Tee – kann man sich an jedem Tag im Advent also getrost nehmen.

Marion Bischoff & Gabi Schmidt (Hrsg.): Lichter im Advent, Der etwas andere Adventskalender, Rhein-Mosel-Verlag 2018, ISBN der kartonierten Ausgabe:
978-3-89801-406-9

Manchmal ist es so einfach, oder ?

Palo Alto die Stadt an der Küste Kaliforniens bringt man vor allem mit dem Silicon Valley und den dort ansässigen Computerfirmen in Verbindung.

John Jay Osborn, Autor von Liebe ist die beste Therapie, ist in Palo Alto geboren und lebt wie seine Protagonisten Charlotte sowie ihr Mann Steve in der Universitätsstadt an der San Francisco Bay. Hier treffen sich die Eheleute regelmäßig zur Paartherapie in Sandys Praxis.
Irgendetwas ist schiefgelaufen in ihrer Ehe. Steve hat Charlotte betrogen, sie ihn verlassen, aber abfinden wollen sich beide nicht mit dem endgültigen Scheitern ihrer Ehe. Therapeutin Sandy sieht zu Beginn auch nur geringe Chancen die Beziehung zu retten. Sie hat für die von beiden aufgebaute Ehe einen leeren Stuhl im Raum reserviert und will diesen wieder Besetzen.

Im Stil eines Kammerspiels strapaziert Osborn zwar manche Metapher etwas über, dennoch lässt sich Liebe ist die beste Therapie gut lesen und man möchte wissen, ob Charlott und Steve wieder zusammenkommen.

John Jay Osborn: Liebe ist die beste Therapie, aus dem Amerikanischen von Jenny Merling, Diogenes 2018, ISBN der Leinenausgabe
978-3-257-07043-9

Hoffnung, Phantasie und Träume

Hoffnung, Phantasie und Träume tragen Bethany durchs Leben. Wacht sie auf, zieht es sie immer wieder ans Meer, an dem ihr nach Krisen – auch „ontologischer Art“ – bewusst wird, „wie unbedeutend sie ist, ein kleiner zweibeiniger Homunkulus inmitten dieser ungeheuren Weite, ein kleiner Punkt, eine winzige Mücke, die in dieser elementaren Natur aus Sand, Wasser und Himmel dahinkrabbelt“.
Sie möchte Schriftstellerin, Schauspielerin und auch Fotografin werden, aber vor allem möchte sich Bethany – wie viele jungen Menschen Anfang 20 – von ihren Eltern, vornehmlich ihrer Mutter lösen, bei der sie nach jeder gescheiterten Kurzbeziehung immer wieder einzieht.

William Boyd zeichnet in seinem Roman All die Wege, die wir nicht gegangen sind eine junge Frau, die um ihre Fehler weiß, der es aber schwer fällt diese nicht zu wiederholen.

All die Wege, die wir nicht gegangen sind ist eine intelligente, im heutigen London angesiedelte Coming-of-Age-Geschichte, die ganz nebenbei auch die Entwicklung Bethanys‘ Eltern erzählt und durchweg elegant formuliert ist.

Wird Bethany den für sie richtigen Weg gehen und ihren Platz in dieser Welt finden?

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind, in der Übersetzung von Ulrike Thiesmeyer, Gatsby im Kampa Verlag 2018, ISBN der Leinenausgabe
978-3-311-21003-0

Im Sumpf des MI5

Slough House ist der Sumpf des MI5. Und seine Mitarbeiter, die Slow Horses, wollen dort nicht versacken.
Deren Chef ist der übergewichtige und nicht gerade beliebte Jackson Lamb.

Zu Beginn des Spionageromans folgt der Leser jedoch zunächst River Cartwright auf dem Weg ins Slough House.
Wie den anderen Kollegen dort, wurde River die Karriereleiter in der Hauptstelle des MI5 weggezogen. Aber von wem und aus welchem Grund? Welches Spiel spielen die Kollegen, und wer ist der Regisseur? Und welche Rolle spielt Robert Hobden, ein abgehalfterter Journalist, der ehemals für große – demokratische – britische Zeitungen wie den Guardian geschrieben hat, und den Cartwright observieren soll?

Als im Internet ein junger Mann live enthauptet werden soll, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Die Slow Horses wollen mitlaufen, um zu beweisen, dass sie es noch können.

Mick Harron ist ein klassischer Spionageroman mit trockenen Dialogen in bisweilen sehr ernsten Situationen gelungen.

Der Schreibstil ist modern mit schnellen Szenewechseln. Am Rande streift er noch gesamtgesellschaftliche Fragen, wie z.B.: Was darf Comedy? – Redefreiheit versus guten Geschmacks und Anstand werden angesprochen.

Zu guter Letzt: Unterschätze nie die Alten und Dicken – auch nicht beim Geheimdienst.

Mick Herron: Slow Horses, Diogenes 2018, ISBN der Leinenausgabe
978-3-257-07018 -7

Mick Herron: Dead Lions, ISBN 978-3-257-07046-0. Erscheint am 28.08.2019

Sternenmann

Mit seinem Roman um den Astronauten Thomas Major und der in Nöten geratenen Familie Ormerod ist David M. Barnett ein unterhaltsamer Roman gelungen, der eine breite Leserschaft anspricht.

Er ist Familien- und Entwicklungsroman mit Bezügen zur britischen Popkultur der 70er Jahre bis heute und lässt einem die Protagonisten ans Herz wachsen. Manchem könnte dies etwas gefühlig daherkommen, aber insgesamt hinterlässt das Buch einen gut gelaunten Leser.

Es gibt eine kleine Dosis humorvoll verpackte Sozialkritik, ohne echtes Drama. Barnett kommt mit seiner Geschichte – bei aller Skurrilität der Handlung – ganz nah an das wirkliche Leben.

Und nach der Lektüre muss der echte David Bowie Fan erst mal wieder „Ziggy Stardust“ auflegen 😊.

David M. Barnett: Miss Gladys und ihr Astronaut, Ullstein 2018, ISBN der kartonierten Ausgabe
978-3-548-28954-0

« Ältere Beiträge

© 2019 vitaLibris

Theme von Anders NorénHoch ↑

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen